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24.03.2020 12:16 Alter: 71 days
Kategorie: History

"Ricks Café“ war in Tanger


Die Welthauptstädte der Spionage

 

Nach wie vor gilt der Kultfilm „Casablanca“ bei Kinofreunden als Klassiker des Spionage-Abenteuerfilms. Knapp ein Jahr nach Pearl Harbor sollte er in der Bevölkerung die Unterstützung für den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg stärken. Die Premiere am 26. November 1942 fand fast zeitgleich mit der alliierten Invasion in Nordafrika statt.

 

Die wahren Spionagezentren lagen allerdings damals nicht in Casablanca, sondern ganz woanders.

 

Tanger

 

Die Hafenstadt Tanger an der Nordspitze Marokkos liegt strategisch günstiger als der Atlantikhafen Casablanca - direkt an der Straße von Gibraltar. Als 1912 die damalige Kolonie Marokko zwischen Frankreich und Spanien geteilt wurde, erzwang Großbritannien eine international überwachte neutrale Zone in Tanger. Solche Orte übten seit jeher eine magische Anziehungskraft auf Spione und Ganoven aus.

 

Fast alle Einwohner von Tanger lebten damals - direkt oder indirekt - vom Schmuggel. Und dabei ging es nicht nur um Zigaretten, Waffen oder Uhren. Auch Informationen gab es hier zu kaufen - auch solche, die gegnerische Geheimdienste erstarren ließen. Und die Offenheit der Stadt machte sie zum Eldorado für die unterschiedlichsten konspirativen Aktivitäten.

 

Zentrum dieser Geschäftigkeit war das „Café Normandie“, das wahre „Rick‘s Café“. Auch einige der legendären James-Bond- Abenteuer spielten zumindest teilweise in Tanger.

 

Als Marokko 1956 die Unabhängigkeit erlangte, verlor Tanger zunehmend an Bedeutung als Spionagezentrum.

 

Istanbul

 

Die türkische Metropole hat seit jeher strategisch eine vergleichbare Lage zu Tanger. Eine europäische Stadt an der Nahtstelle zum Orient. Endpunkt der Strecke des legendären Orient-Express, zumindest im Film Schauplatz der unterschiedlichsten Abenteuer bis hin zu ruchlosen Mordtaten.

 

Auch in Istanbul konnten Agenten aus aller Welt ihre Spionagespiele einigermaßen sicher spielen, obwohl die Stadt nie einen internationalen Status wie Tanger hatte. Dies war unter anderem wohl auch der Schlampigkeit und Korruption der türkischen Behörden geschuldet.

 

Die geographische Nähe Istanbuls zu den Brennpunkten im Nahen Osten machten die Stadt attraktiv für jegliche Aktivitäten, die das Tageslicht zu scheuen hatten. Schon während der beiden Weltkriege und danach wurde Istanbul so zum weiteren Schwerpunkt der internationalen Spionage. Eine bedeutende Rolle soll dabei der legendäre britische Doppelagent Kim Philby gespielt haben, der sowohl für Großbritannien als auch für den sowjetischen KGB spionierte.

 

Berlin

 

Während des Kalten Krieges war in Europa vor allem West-Berlin Treffpunkt für Geheimagenten beider Seiten. Hier - am Schnittpunkt der beiden Machtblöcke - war es so einfach wie nirgends sonst auf der Welt, das Geschäft mit Informationen zu betreiben. Es gab zwar keine Botschaften, da West- Berlin juristisch kein voll gültiger Teil der Bundesrepublik war, doch Konsulate und Handelsmissionen en masse, und hinzu kamen noch die zahlreichen Dienststellen der alliierten Streitkräfte. Besonders bequem war natürlich, dass Geheimagenten an den innerstädtischen Grenzübergängen praktisch zu Fuß von einer Seite auf die andere gelangen konnten.

 

Legendär ist das Café Adler, das auf West-Berliner Seite direkt am Checkpoint Charlie gelegen ist. Dort sollen mehrfach konspirative Treffen stattgefunden haben. Man kann davon ausgehen, dass man dies nur den heutigen Touristen erzählt. Dass Geheimagenten so leichtsinnig gewesen sein sollen, praktisch unter den Augen der DDR-Volkspolizei ihr trübes Geschäft betrieben zu haben, kann man bezweifeln.

 

Wichtiger als die innerstädtische Grenze war damals die Glienicker Brücke, durch die West- Berlin über die Havel mit Potsdam verbunden war. Hier fanden bis in die Achtziger Jahre drei bedeutende Austauschaktionen verhafteter Geheimagenten beider Seiten statt.

 

Und heute?

 

Seit der Wiedervereinigung Deutschlands und Berlins ist auch das alles Geschichte. Ohnehin hat der klassische Agent vor Ort im Zeitalter von Computernetzen und Spionagesatelliten erheblich an Bedeutung verloren. Die europäischen Hauptstädte der Spionage unserer Tage sind Brüssel und London. In Brüssel hat man Politgrößen aus 27 Ländern vor Ort und kann sich in diesem Gewimmel natürlich hervorragend verstecken. Die Bedeutung Londons als Spionagezentrum könnte nach dem Brexit sogar noch zunehmen.

 

Quelle: Matrix3000 Band 114

 

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