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29.03.2022 18:00 Alter: 50 days
Kategorie: Politik

Mangelndes Risikobewusstsein


Angesichts weltweit zunehmender Lockerungsmaßnahmen von Schutzvorschriften gegen die Corona-Pandemie gibt es auch von kompetenter Seite warnende Stimmen. Und das nicht nur von Medizinern.

 

Gerd Gigerenzer ist emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Leiter des Harding-Zentrums für Risikokompetenz. Er bezweifelt offen, ob die Menschen ein ausreichendes Risikobewusstsein besitzen, um mit der Krankheit, die ja durch

Lockerungsmaßnahmen nicht automatisch verschwunden ist, eigenverantwortlich umzugehen.

 

Gigerenzer sieht mehrere zentrale Punkte, die bei großen Teilen der Bevölkerung für Fehleinschätzungen der Realität sorgen.

 

  1. Das Risikoparadox. Menschen neigen dazu, Gefahren zu überschätzen, auf die der Einzelne keinen Einfluss hat, die aber äußerst selten auftreten. Beispiele sind Flugzeugabstürze und Naturkatastrophen. Demgegenüber werden Gefahren, die der Einzelne vermeiden kann, die aber keine unmittelbaren Folgen zeigen, meist unterschätzt. Klassisches Beispiel ist das Rauchen, das ja erst nach Jahrzehnten lebensbedrohlich werden kann. Oder der Klimawandel, dessen Folgen uns bestenfalls nach Jahren treffen - oder in weit entfernten Regionen der Welt. In diese Kategorie fällt auch der Umgang mit Corona. Selbst wenn ich ohne Maske herumlaufe und andere umarme, breche ich ja nicht sofort krank zusammen. Allerdings - wer raucht, tötet möglicherweise sich selbst. Wer Corona-Schutzmaßnahmen ignoriert, tötet andere.
  2. Der „Zahlen-Analphabetismus“. Ein weiterer Aspekt, weshalb Menschen Gefahren falsch einschätzen, ist der sogenannte Zahlen-Analphabetismus. Verbalen Argumenten können die meisten von uns gut folgen. Sie haben aber oft keinerlei Gefühl für die Bedeutung von Zahlen, für den Unterschied zwischen absolut und relativ oder gar für die Bedeutung mathematischer Funktionsverläufe. Die biologische Reproduktion verläuft in der Regel nicht linear, sondern exponentiell. Das heißt, Populationskurven verlaufen anfangs sehr flach, dann jedoch sehr steil aufwärts (siehe Grafik). Das gilt auch für die Vermehrung von Viren. Wenn ein Infizierter nur zwei andere ansteckt, dann infizieren diese wieder je zwei, insgesamt also vier, diese dann acht usw. In der zehnten „Generation“ sind bereits über 1000 Menschen erkrankt. Exponentielle Entwicklungen sind für viele nur schwer vorstellbar.
  3. Die Illusion der Gewissheit. Viele Menschen denken immer noch, wenn sie sich nur genügend oft impfen lassen, wären sie restlos sicher und dürften wieder alles, so wie früher. Doch hundertprozentige Gewissheit gibt es nicht, weder in der Medizin noch sonstwo in der Wissenschaft. Die Vielzahl von Coronaerkrankungen bei Menschen,  die doppelt geimpft und noch dazu geboostert sind, spricht eine deutliche Sprache.

 

Der Fehler bei Politik und Wissenschaft besteht darin, auf solche Wissens- und Sicherheitslücken nicht ausreichend hinzuweisen. Statt klar zu sagen, was man weiß - und was man nicht weiß, wiegen sie die Menschen in einer trügerischen  Sicherheit, die in Wirklichkeit gar nicht existiert. „Impfen hilft???“ Fragt sich nur wem.

 

Die zahllosen Verschwörungstheoretiker machen es noch komplizierter. Die nämlich bieten in der Regel „absolute Wahrheiten“ an, selbst wenn sie vollkommen abstrus sind. Wer solchen Leuten folgt, fühlt sich in seiner Informationsblase „sicher“, obwohl es absolute Sicherheiten gar nicht gibt (und niemals gab). Leben war schon immer lebensgefährlich. Doch in unserer so lange Zeit komfortablen Wohlstandswelt haben die meisten verlernt, was es heißt, auf sich selbst aufzupassen. 

 

Wenn der Staat dies einfach so hinnimmt („Ist ja deren Problem“), dann dürfte der Ruf nach Freiheitsrechten schnell wieder Forderungen nach mehr Sicherheit weichen.

 

Quelle: Matrix3000 Band 122

 

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