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27.02.2014 11:27 Alter: 8 yrs
Kategorie: Politik

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit


Mehr als 120 Jahre nach dem Tod von Karl Marx ist in Deutschland der Klassenkampf ausgebrochen. Allerdings kämpfen nicht – wie vom Begründer des Kommunismus vorhergesagt – Unterprivilegierte um ihre Rechte. Statt dessen setzen gerade die Angehörigen der bürgerlichen Mittelschicht zum Kampf an – z. B. gegen Bedürftige, Sozialhilfeempfänger und Zuwanderer, um ihre eigene gesellschaftliche Position zu halten oder zu verbessern. Man kann es auch auf den kurzen Nenner bringen, dass nicht mehr Geiz „geil“ ist, sondern Gier.

Zu diesem Schluss kommt eine zehnjährige Langzeitstudie der Universität Bielefeld, die 2002 unter dem Titel „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ ins Leben gerufen wurde. Die Studie liefert Zeugnis dafür ab, wie es im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, im Zeichen des Abbaus von Sozial- und Bürgerrechten und eines zunehmend gnadenlosen Vernichtungskapitalismus nicht nur zu einer Verrohung des Wortschatzes, sondern auch zu einer Verrohung großer Teile der bürgerlichen Mittelschicht kam.

Auslöser war die Politik der rotgrünen Regierung unter Gerhard Schröder, die Steuervorteile für Besserverdienende beschloss und mit Hilfe der „Agenda 2010“ gleichzeitig immer größere Bevölkerungsgruppen in Armut stürzte. Diese „Errungenschaften“ wurden unter den nachfolgenden Kabinetten von Angela Merkel verwaltet oder auch fortgeführt. Gab es in früheren Jahrzehnten in Deutschland einen gesellschaftlichen Konsens, auch weniger Betuchten ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, notfalls mit staatlicher Hilfe, sind die Betroffenen jetzt zu Zielscheiben von Beschimpfungen geworden, werden als „Sozialschmarotzer“ oder „Arbeitsscheue“ tituliert. Eine zunehmend unsoziale Politik von „denen da oben“ löst nicht mehr Wut in der Bevölkerung aus, sondern im Gegenteil gönnt man selbst den Ärmsten der Armen nicht einmal mehr das, was ihnen noch verblieben ist. Schließlich muss man ja zur Finanzierung von staatlichen Transferleistungen, so gering sie auch sein mögen, durch Sozialabgaben beitragen, also auf einen Teil seines eigenen Einkommens verzichten.

Eine solche Mentalität bildet nachfolgend auch den Nährboden für Rassismus. Nicht nur Einwanderer aus Afrika oder die „üblichen Verdächtigen“ wie etwa Sinti und Roma werden pauschal als „Armutszuwanderer“ diskriminiert, die sich angeblich auf Kosten unserer Sozialkassen auf die faule Haut legen wollen, sondern seit Beginn dieses Jahres auch Bürger der EU-Länder Rumänien und Bulgarien. Horst Seehofers populistische Stammtischparolen zu diesem Thema lösten zwar Kritik in den Parteien (inklusive seiner eigenen) aus, führten aber nicht zu einem Aufschrei der Empörung in der Bevölkerung.

Weitere Indikatoren für die gesellschaftliche Verrohung in Deutschland, die die an der Studie beteiligten Forscher feststellten, waren Islamophobie – „Zuwanderung von Muslimen sollte untersagt werden“, Sexismus – „Frauen gehören an den Herd, Karriere sollen Männer machen“, Homophobie – „Homosexualität ist ekelhaft und unmoralisch“, ja sogar die Diskriminierung von Behinderten – „Mit denen wird auch viel zu viel Wesens gemacht“. Gleichzeitig wird die eigene Besitzstandswahrung betont – andere sollen sich gefälligst mit weniger zufrieden geben. Von der im Grundgesetz verankerten Maxime, wonach „Eigentum verpflichtet“, wollen weite Kreise der gehobenen Mittelschicht nichts mehr wissen. Hartz-IV-Empfänger werden häufig als „Nutzlose“ oder „Ineffiziente“ bezeichnet, so ein Fazit der Studie. Von da ist es nicht mehr weit bis zu dem Moment, wo man sie als „entbehrlich“ betrachtet. Es geht also nicht nur um Verteilungskämpfe, sondern um eine Desintegration der Gesellschaft, indem man unerwünschte Gesellschaftsschichten dauerhaft ausgrenzt. So fi nden Initiativen wie z. B. die zwangsweise Verbannung von Bettlern und Obdachlosen aus Innenstädten, notfalls mit Polizeigewalt, mehr und mehr Zustimmung. Als kultivierter Christenmensch mag man das Elend eben nicht vor Augen haben, wenn man schon nicht helfen will. Dies könnte auf Dauer eine strikte räumliche Trennung von Reich und Arm nach sich ziehen – etwa durch Neuentstehung abgeschotteter Ghettos und Elendsquartiere.  

Quelle: Matrix3000 Band 80