03/25/2019 09:58

Der Mann aus Laxaria

Category: Mystery

Die hier zitierte Mystery-Geschichte wurde in dem seriösen Year Book of Facts in London veröffentlicht.

„In der Korrespondenz Berlins ist es für uns bezeugt, dass Ende 1850 ein Fremder in einem kleinen Dorf des Bezirks Lebas, in der Nähe von Frankfurt an der Oder, aufgegriffen wurde, wohin er gewandert war, und niemand konnte sagen, woher er gekommen sein mochte. Er sprach unvollkommenes Deutsch und hatte alle Kennzeichen kaukasischen Ursprungs. Als er vom Bürgermeister von Frankfurt befragt wurde, sagte der Fremde, dass sein Name Jophar Vorin sei, und dass er aus einem Land namens Laxaria stamme, das sich in einem Teil der Welt namens Sakria befinde.

Er versteht, so wird behauptet, keine der europäischen Sprachen (außer, wie wir annehmen müssen, das gebrochene Deutsch), sondern liest und schreibt, was er die laxarischen und abramianischen Sprachen nennt. Letzteres erklärt er als die Schriftsprache des Klerus in Laxaria, und die andere als die Sprache des einfachen Volkes. Er sagt, dass seine Religion in Form und Lehre christlich ist und dass sie Ispatian heißt. Laxaria beschreibt er als viele hundert Meilen von Europa entfernt und durch riesige Ozeane von Europa getrennt. Sein Ziel, nach Europa zu kommen, so behauptet er, sei es gewesen, einen lange verlorenen Bruder zu suchen. Aber er erlitt Schiffbruch auf der Reise — wo, weiß er nicht, — und er kann seine Route an Land auf keiner Karte und keinem Globus verfolgen. Er beansprucht für seine unbekannte Rasse einen beträchtlichen Anteil an geographischem Wissen. Die fünf großen Kontinente der Erde nennt er Sakria, Aflar, Aslar, Auslar und Euplar. Die Gelehrten in Frankfurt an der Oder glaubten es, nach eingehender Auseinandersetzung mit der Erzählung und ihrem Überbringer. Jophar Vorin wurde jedoch nach Berlin entsandt, und in der preußischen Hauptstadt wurde er Gegenstand von vielerlei wissenschaftlichem und kuriosem Klatsch.“

Kommentar der Redaktion:

Solche Geschichten kursieren im Internet in vielerlei Varianten, und sie sind oft einander sehr ähnlich, bei gleichzeitig markanten Unterschieden, so dass ihre Authentizität in der Regel zweifelhaft ist. Diese Geschichte ist anders. Sie wurde 1852 in London im Year Book of Facts in Science and Art publiziert, einem wissenschaftlichen Jahrbuch, in dem damals die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse des vergangenen Jahres zusammengefasst wurden. Herausgeber war Sir Richard Owen, Hunterianischer Professor und Kurator des Museums am Royal College in London, Superintendent des British Museum und Fellow der Royal Society.

Professor Owen galt nach Charles Darwin als zweitgrößter britischer Naturforscher des viktorianischen Zeitalters. Den Beitrag über jenen „Jophar Vorin“ im Jahrbuch, der von Chefredakteur John Timbs redigiert wurde, geben wir hier in deutscher Übersetzung im Wortlaut wieder, was die etwas altertümliche Sprache erklärt.

Zum Inhalt der Geschichte ist zu sagen, dass es sich bei jenem Jophar Vorin natürlich um einen psychisch verwirrten Menschen gehandelt haben könnte – eine Diagnose, die 1850 von der damaligen Psychiatrie noch kaum hätte gestellt werden können. Oder hatte er sich tatsächlich – aus einer Parallelwelt oder aus der Zukunft – in unsere Realität verirrt? Es ist schon merkwürdig, dass er einerseits wohl kein ungebildeter Mann war – er konnte sich zumindest gewählt ausdrücken und so manches über Kultur und Geographie seiner Heimat berichten – andererseits nicht einmal die Länder und Kontinente auf Landkarten und Globen erkennen konnte.

Bemerkenswert ist auch, dass die wissenschaftliche Fachwelt in Frankfurt/Oder offenbar seine Geschichte für glaubhaft hielt, während das elitäre akademische Publikum in Berlin offenbar zu arrogant war, sich ernsthaft mit dem Fall zu beschäftigen.

Quelle: Matrix3000 Band 110

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