03/25/2019 10:57

Titanic bald wieder auf großer Fahrt

Category: History

Seit 2014 baut China an einer originalgetreuen Replik des legendären Luxusliners Titanic, der mehr als 100 Jahre zuvor bei seiner Jungfernfahrt im Nordatlantik gesunken war. Jahrelang hieß es, das Schiff werde niemals einen Ozean überqueren, sondern auf Dauer in einem Binnenhafen der Provinz Sichuan verankert werden.

Doch im Herbst 2018 geisterte eine Sensationsmeldung durch die Presse, wonach die „Titanic II“ ab 2022 doch auf große Fahrt gehen soll. Ihre Jungfernfahrt soll von Dubai nach Southampton führen. Anschließend soll sie exakt auf der Route ihrer legendären Vorgängerin zwischen Southampton und New York pendeln. Mit Ausnahme des Untergangs im Nordatlantik natürlich. Trotzdem eine reichlich makabre Sache, ein Nervenkitzel- Urlaub für Leute, denen selbst der Escape Room keinen Kick mehr bietet.

Was fasziniert eigentlich ausgerechnet die Chinesen so sehr an der Titanic? Weil sie ein Teil der Geschichte der echten Titanic sind, und zwar ist es der Teil der Geschichte, den kaum jemand kennt, ... weil sie nie erzählt werden sollte.

Als die Titanic nämlich am 10. April 1912 aus Southampton auslief, waren auch acht Chinesen an Bord, ehemalige Seeleute der chinesischen Handelsmarine, die in Amerika ein neues Leben beginnen wollten. Eingepfercht in der dritten Klasse und gebucht auf einem gemeinsamen Ticket, das alle acht Namen umfasste. Um diese acht Männer rankt sich eine äußerst mysteriöse Geschichte.

Sechs von ihnen wurden nämlich beim Untergang der Titanic gerettet. Eine ziemlich große Zahl, angesichts der Tatsache, dass von der Gesamtzahl der Passagiere nur jeder Dritte überlebte und noch dazu die Fluchtwege an Deck für Passagiere der dritten Klasse während der Rettungsaktionen lange Zeit gesperrt waren.

Und doch schafften es vier von ihnen, in das letzte Rettungsboot zu gelangen. Einer war schon von einem anderen Boot aufgenommen worden, und der sechste wurde aus dem Wasser gefischt, wo er sich an einem Wrackteil festgeklammert hatte.

Doch dann geschah etwas äußerst Merkwürdiges. Während die anderen Überlebenden des spektakulären Schiffsunglücks bei der Ankunft in New York wie Helden gefeiert wurden, während der Name jedes Passagiers, sein Beruf und seine gesellschaftliche Stellung minutiös archiviert wurden, bis hin zu jeder Kleinigkeit seines persönlichen Besitzes, entfernte man die Chinesen kurzerhand aus der sich gerade herausbildenden Legende. Niemand interessierte sich für ihre Existenz, für ihr Schicksal. Warum eigentlich? Die Erklärung lässt uns in ein dunkles Kapitel der amerikanischen Geschichte blicken. Ein Kapitel, das uns zeigt, dass Rassismus und Fremdenhass in den USA keine Erfindung der Trump-Ära sind.

Bei der Ankunft im New Yorker Hafen verweigerte man den sechs geretteten Chinesen schlichtweg die Einreise. Dass sie gerade erst einem grauenvollen Tod entronnen waren, interessierte keinen. Die Einwanderungsbehörde berief sich auf den Chinese Exclusion Act, der Chinesen die Einreise untersagte. Das Gesetz war 1882 erlassen worden, als sich in Folge der Einwanderung von etwa 100.000 Chinesen, hauptsächlich nach Kalifornien, in der Bevölkerung zunehmend Rassismus und Fremdenhass ausbreitete.

Die sechs chinesischen Titanic- Passagiere wurden daher zunächst zu einer speziellen Einwanderungsbehörde nach Ellis Island gebracht, wo man sie auf ein Schiff verfrachtete und mit unbekanntem Ziel abtransportierte. Seither hat sie niemand mehr gesehen.

Solange die Sensationsberichterstattung der Presse über das Titanic- Desaster noch am „Kochen“ war, gelang es dennoch nicht vollständig, die Existenz der sechs Chinesen totzuschweigen. Doch die Presse stimmte weitgehend ein in den ausländerfeindlichen Tenor und spekulierte nur darüber, wie die Männer überhaupt an Bord eines der Rettungsboote gelangen konnten, die doch eigentlich Frauen und Kindern vorbehalten waren. Da konnten doch nur betrügerische Machenschaften am Werk gewesen sein. Hatten sie Frauenkleider angezogen oder sich aufgrund ihrer geringeren Körpergröße als Kinder ausgegeben? Nichts davon stimmte. Außerdem wurden ja auch von den weißen Passagieren eine ganze Reihe von Männern gerettet, denen man keine niederen Beweggründe unterstellte.

Der britische Dokumentarfilmer Arthur Jones wollte das Schicksal der sechs verschwundenen Chinesen recherchieren und darüber einen Film machen. Er begann mit einem Aufruf in den sozialen Medien, wo er Hunderttausende von Hinweisen erhielt, die dann über eine speziell eröffnete Website gesammelt und archiviert wurden. Anschließend reiste Jones mit seinem Kamerateam 2018 rund um die Welt, um den Hinweisen nachzugehen. Im Laufe des Jahres 2019 soll der Film dann der Öffentlichkeit präsentiert werden, so dass wir dann - vielleicht - mehr über das Schicksal der verschwundenen Chinesen erfahren werden.

Quelle: Matrix3000 Band 110

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