12/20/2018 12:22

Erster Weltkrieg - Ende mit Fake-News

Category: History

Am 7. November 1918 ging ein Gespenst um in Amerika, und es war – Karl Marx möge es verzeihen – nicht mal der Kommunismus. Es war eine Fake News.

An jenem Morgen kam im Hauptquartier der Nachrichtenagentur UPI in New York eine Meldung über den Ticker: Deutschland hat kapituliert, so hieß es. Das Kaiserreich und die gegnerischen Alliierten hätten einen Waffenstillstand geschlossen. Die Agentur holte die fettesten Lettern hervor, die ihr zur Verfügung standen, und verbreitete die Sensationsmeldung: „DER KRIEG IST AUS“. Der Dow-Jones-Newsticker der Wall Street übernahm die Nachricht, die sich schon bald wie ein Lauffeuer im kriegsmüden Amerika ausbreitete. Überall kam Big Business zum Erliegen. New Yorks Bürgermeister John Hylan rief den Tag spontan zum nationalen Feiertag aus. Berufstätige gingen von der Mittagspause nach Hause. Auf dem Times Square trat Enrico Caruso auf den Balkon seines Hotelzimmers und sang die amerikanische Nationalhymne. Schiffe im Hafen ließen Signalhörner ertönen, im New Yorker Stadtverkehr veranstalteten Autos ein Hupkonzert. Zeitungsjungen riefen „Deutschland kapituliert“, und ihre Extrablätter wurden ihnen aus den Händen gerissen.

Landesweit kam es zu spontanen Freudenbekundungen, obwohl öffentliche Aufmärsche wegen der grassierenden Spanischen Grippe eigentlich verboten waren. Philadelphias Bürgermeister ließ die Freiheitsglocke ertönen. In Wisconsin verteilte ein Ladenbesitzer Gratis-Limonade, während vor seinem Geschäft auf der Straße eine Strohpuppe von Kaiser Wilhelm II. verbrannt wurde. In Washington zogen die feiernden Massen zum Weißen Haus, und Präsident Woodrow Wilson, der gerade beim Lunch saß, trat auf den Balkon und winkte den Menschen mit seiner Serviette zu. Neun Flugzeuge vollführten Loopings über dem Weißen Haus, und die Kanonen von Fort Myers feuerten Salutschüsse über den Potomac.

Es kam auch zu Gewaltausbrüchen. In Pennsylvania wurde ein Veteran aus dem Spanisch-Amerikanischen Krieg gelyncht, weil man ihn fälschlicherweise der Kollaboration mit dem Kaiserreich verdächtigte. Man warf Feuerwerkskörper in ein Stahlrohr, und die bei der Explosion herumfliegenden Stahltrümmer töteten vier Teenager.

Doch langsam sickerte die Wahrheit durch. Außenminister Robert Lansing verkündete, die Meldungen über das Kriegsende seien falsch. Doch die Leute wollten es nicht hören. Entfesselte Menschenmengen auf dem Times Square rissen die Extrablätter mit Lansings Dementi in kleine Fetzen.

Am 8. November erwachte Amerika mit einem großen Kater. Neueste Berichte aus Europa meldeten, dass in den Schützengräben Frankreichs weitere Amerikaner gefallen seien. Captain Harry Truman, der spätere US-Präsident, bezeichnete die Leute, die die Falschmeldung über das Kriegsende verbreitet hatten, als „Verbrecher“. Schuld an dem ganzen Schlamassel war – ein Missverständnis. US-Offiziere an der französischen Front hatten eine für den 7. November vorübergehend ausgerufene lokale Waffenruhe falsch interpretiert. Es sollte nur einer deutschen Delegation ermöglicht werden, die Frontlinie sicher zu überqueren, um sich zu Verhandlungen mit den Alliierten zu treffen. Die falsch verstandene Meldung über das Kriegsende erreichte Admiral Wilson im Hafen von Brest, der sie seinerseits an UPI-Chef Roy Howard weiterleitete, der persönlich als Kriegskorrespondent in Europa weilte. Der wollte sich absichern und fragte bei dem Admiral nach: „Ist das offiziell?“, und der Admiral antwortete: „Absolut, direkt vom Hauptquartier.“ Er gab Howard einen Freibrief, die „Story seines Lebens“ zu drucken. Howard kabelte den Text direkt ins New Yorker Hauptquartier, wo die Sache ihren Lauf nahm. Präsident Wilson übernahm persönlich die Verantwortung für die Fake News und entlastete damit auch Howard. Die Konkurrenzagentur Associated Press dagegen forderte, Howard vor ein Kriegsgericht zu stellen für seine Rolle bei dem „eklatantesten und schuldhaftesten Akt der öffentlichen Täuschung in der Geschichte der Presse.“ Na, die kannten Donald noch nicht. New Yorker Bürger schlugen vor, die Rechnung für die Reinigung der Stadt nach den vorzeitigen Freudenfeiern in Höhe von 85.000 Dollar an UPI zu schicken.

Am 11. November kam wieder eine Meldung über das Ende des Krieges nach Amerika – und diesmal stimmte sie. Die Leute organisierten erneut Freudenfeiern, die aber diesmal ruhiger und gesitteter abliefen. Man hatte sich schon vier Tage vorher ausreichend ausgetobt.

Übrigens – der erste Weltkrieg endete nicht mit einer Kapitulation des deutschen Kaiserreiches, sondern lediglich mit einem Waffenstillstand. Keine Seite sah sich mehr in der Lage, die Kampfhandlungen noch fortzusetzen. 

Quelle: Matrix3000 Band 109

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