03/27/2008 11:51

Das Alice-im-Wunderland-Syndrom

Category: Gesundheit

Bilder: Walt Disney Studios

Eines Morgens erwachte der junge Engländer Rik Hemsley mit einer höchst seltsamen Wahrnehmungsstörung. Als er aufstand und nach der Fernbedienung seines Fernsehers greifen wollte, hatte er das Gefühl, mit dem Fuß im Fußboden zu versinken. Als er nach unten schaute, sah er tatsächlich, wie sein Fuß im Teppich zu verschwinden schien. Die Sensation dauerte nur ein paar Sekunden, dann normalisierte sich seine Wahrnehmung wieder. Er schob es auf Übermüdung und Stress, denn er hatte in der Nacht lange an seiner Dissertation gearbeitet und dabei viel Kaffee getrunken.

Doch es dauerte nicht lange, dann wurden Riks Missempfindungen häufiger und auch heftiger. Der Untergrund, auf dem er ging, schien sich zu krümmen und zu wölben, er hatte das Gefühl, auf einem Schwamm zu laufen. Wenn er im Bett lag und auf seine Hände schaute, schienen sie sich meilenweit nach vorne auszudehnen. Immer noch gelang es Rik Hemsley, die Symptome zu verdrängen (und dann auch wieder zum Abklingen zu bringen), und er machte seinen Hochschulabschluss ordnungsgemäß zu Ende. Danach nahm er einen Job als Systemadministrator an.

Jetzt verschlimmerte sich sein Zustand und war dauerhaft. Parkende Autos auf der Straße erschienen ihm klein wie Spielzeuge. Er selbst kam sich groß wie ein Riese vor. Wenn er dann am Arbeitsplatz auf seinem Sessel Platz nahm, erschien dieser riesengroß und er selbst auf Zwergengröße geschrumpft. Rik Hemsley sah die Welt nur noch wie durch einen Zerrspiegel oder ein Fisheye. Wenn er Vögel beobachtete, die Hunderte von Metern entfernt in einem Baum saßen, konnte er trotzdem jedes Detail ihres Gefieders sehen.

Ärzte bescheinigten ihm normale psychische und physische Gesundheit und diagnostizierten „Migräne“, doch die verordneten Schmerzmittel halfen natürlich nicht, und schon bald war Rik vollkommen arbeitsunfähig. Während er zu Hause saß und von seinen Ersparnissen lebte, sah er im Fernsehen, wie eine Frau die gleichen Symptome schilderte.

Sie leide, so hieß es dort, am „Alice-im-Wunderland-Syndrom“ (AIWS), medizinisch auch Mikropsie (bzw. Makropsie) genannt, einer seltsamen Wahrnehmungsstörung, bei der man alles verkleinert bzw. vergrößert wahrnimmt. Die Ursachen dieser Erkrankung sind noch unbekannt. Sie tritt vor allem bei Kindern zuweilen auf.

Nach einiger Zeit stabilisierte sich Rik Hemsleys Zustand so weit, dass er zumindest von zu Hause aus wieder arbeiten konnte. Heute, nach etwa 10 Jahren, treten die Anfälle nur noch ca. einmal im Monat auf. Auch die außergewöhnliche Wahrnehmungsschärfe auf große Distanzen hat sich wieder zurückgebildet (was Hemsley als einziges bedauert). Er kann aber im Großen und Ganzen wieder ein normales Leben führen.

Quelle: Matrix3000 Sonderheft Gesundheit 2008