03/27/2008 12:18

Pharmaindustrie zwingt Patienten zu Geheimabsprachen

Category: Gesundheit

Chanda Givens war schwanger und wollte, dass ihr ungeborenes Kind so gesund wie möglich heranwuchs. Ihr Gynäkologe verschrieb ihr daraufhin ein speziell für Schwangere zugeschnittenes Vitaminpräparat mit Namen Materna.

Bei einer Filiale der US-Apothekenkette Walgreens in St. Louis erhielt sie auf ihr Rezept jedoch irrtümlicherweise Matulane, ein starkes Chemotherapeutikum aus der Krebstherapie, also ein Zellgift.

Nach der ersten Einnahme des Medikaments litt Chanda Givens wochenlang unter den üblichen Symptomen einer Chemotherapie: Übelkeit, Erbrechen, neurologische Symptome, Benommenheit, Haarausfall und Kurzatmigkeit. Eine sofort durchgeführte medizinische Untersuchung ergab, dass der Fötus in ihrer Gebärmutter nicht mehr normal weiterwuchs. Zwei Monate später erlitt sie eine Fehlgeburt.

Chanda Givens verklagte daraufhin die Firma Walgreens auf 75.000 Dollar Schadenersatz. Der Fall wurde allerdings nur wenige Wochen nach Einreichen der Klage bei Gericht auf außergerichtlichem Wege beigelegt. Die genaueren Details der Einigung sind jedoch der Öffentlichkeit nicht bekannt geworden, da die Givens, ebenso wie ihre Anwälte, als Teil der Vereinbarung eine Schweigeverpflichtung unterschreiben mussten.

„Solche Vereinbarungen werden durch Schweigen erkauft.“, heißt es aus US-Anwaltskreisen. Auf den ethischen Konflikt angesprochen, argumentiert man meist so, die Verpflichtung eines Anwalts sei es, das Beste für seinen Klienten herauszuholen, und das heißt nun einmal, dass er eine angemessene Entschädigungszahlung erhält. Die seien große Pharmakonzerne und Handelsfirmen aber ohne Schweigeerklärung nicht zu zahlen bereit. Das öffentliche Interesse an solchen Fällen habe dann hinter dem Interesse der Betroffenen zurückzustehen.

Barry Furrow, ein Juraprofessor vom Drexel University College of Law, der auf medizinische Fälle spezialisiert ist, bemerkt dazu, Pharmaindustrie und Apotheken wollten auf diese Weise Negativwerbung verhindern. Obwohl es ein starkes öffentliches Interesse daran gebe, ob bei der Medikamentenausgabe Fehler vorkommen, würden solche Fälle aus diesem Grunde nicht öffentlich gemacht. Rechtlich sei gegen die Praktiken der Geheimabsprachen nichts zu machen, da sie nicht auf Gerichtsurteilen beruhen. Die dabei fließenden Gelder seien also im Grunde freiwillige Zahlungen der beschuldigten Firmen. Sie beinhalteten daher auch kein Schuldanerkenntnis. Die beschuldigten Firmen äußern sich lediglich dahingehend, dass derlei Vereinbarungen üblich seien. 

Quelle: Matrix3000 Sonderheft Gesundheit 2008