03/26/2009 07:56

Blöd is beautiful!

Category: Gesellschaft

Kultfigur, ewiger Loser und Underdog mit beschränktem Intellekt: Der US-Serienheld Al Bundy (Ed O’Neill, Mitte) mit seiner Frau Peggy (Katey Sagal, links) und den Kindern Kelly (Christina Applegate) und Bud (David Faustino).

Der Bildungsgrad der US-Bürger ist nicht nur auf dem Rückzug, Dummsein wird mittlerweile sogar zum Kultstatus. Wissen und Lernen sind dagegen aus der Mode gekommen.

Das behauptet jedenfalls die Publizistin Susan Jacoby (Washington Post) in einer Studie, die in Buchform erschienen ist. Der Trend wird noch gefördert durch Computer- und Videospiele. Rund 40 Prozent der Amerikaner unter 44 Jahren haben im Jahre 2007 kein einziges Buch gelesen. 35 Prozent hielten im Herbst 2008 ihre Stimmabgabe bei der Casting- Show „American Idol“ (läuft bei uns unter dem Titel „Deutschland sucht den Superstar“) für genau so wichtig, wie zur Präsidentenwahl zu gehen. Eine TV-Ratesendung mit dem Titel „Bist du klüger als ein Fünftklässler?“ erfreut sich wachsender Beliebtheit. Dort müssen zweitklassige B-Promis tatsächlich gegen Fünftklässler antreten. Sehr oft sind übrigens die Kinder siegreich! O-Ton der Show: „Die Hauptstadt welches europäischen Landes heißt Budapest?“ Antwort: „Was, ich dachte, Europa wäre ein Land.“ Und dann: „Hungary?“ (Ungarn?) – „Was? Ich kannte Turkey, aber dass ein Land ,Hungrig‘ heißt!“ (hungry = engl. für „hungrig“, Anm. d. Red.).

Es erscheint paradox, dass die neue Entbildung der Amerikaner genau im Informationszeitalter mit seinen grenzenlosen Multimedia-Möglichkeiten stattfindet. Jacoby hält die Informationsflut aus dem World Wide Web allerdings sogar für ein Symptom der zunehmenden allgemeinen Verdummung. Das Internet verführe zur eher oberflächlichen Information, wenn man dort überhaupt noch substantielle Texte liest und sich nicht gleich in der voyeuristischen Bilderwelt von YouTube oder den Trivial-Blogs von Leuten aus der Nachbarschaft verliert. Heute bleibt fast ein Drittel der amerikanischen Jugendlichen ohne Schulabschluss.

Hatte in Deutschland die Pisa-Studie noch eine Alarmstimmung in weiten Bevölkerungskreisen ausgelöst, schämen sich die Amerikaner nicht einmal ihrer mehr als beschränkten Schulbildung. Im Gegenteil – Blöd is beautiful! Film- und Fernsehcharaktere, die ausgesprochene Deppen verkörpern, werden zu Helden der Nation (man denke an den legendären Al Bundy aus „Eine schrecklich nette Familie“). In einem solchen gesellschaftlichen Kontext ist es bereits zu einem Risiko geworden, sich als Angehöriger der Bildungselite zu outen, da solche Menschen zunehmend als „arrogant“ angefeindet werden. Al Gore und John Kerry bekamen dies in ihren Präsidentschaftswahlkämpfen gegen George W. Bush zu spüren, genau wie auch Barack Obama im Herbst 2008. Bush hingegen gelang es, in die Verkleidung des einfachen, gottesfürchtigen Kumpels aus der Nachbarschaft zu schlüpfen – ein im Grunde billiger Etikettenschwindel, da Bush genau den gleichen Elitekreisen angehört wie seine seinerzeitigen Kontrahenten. Durch seine legendär gewordenen sprachlichen Blackouts („Der überwiegende Teil unserer Importe kommt aus dem Ausland“) konnte er diesen Eindruck dennoch in der öffentlichen Meinung über zwei Amtszeiten beibehalten. Das Buch von Susan Jacoby ist unter dem Titel „Das Zeitalter der amerikanischen Unvernunft“ auch in deutscher Übersetzung erhältlich.

Quelle: Matrix3000 Sonderheft Gesundheit 2009