12/19/2012 23:48

Mythologie

Category: Spiritualität
By: Gabriele Quinque

Nahrung für die Seele.

Ein langes Stück Schnur ist alles, was Theseus braucht, um in das Labyrinth des Minotaurus herein- und vor allem auch wieder herauszukommen, nachdem er seine Heldentat vollbracht hat. Diesen Ariadnefaden wünscht sich ein Mensch, der ernsthaft beginnt, sich der Mythologie zuzuwenden.

Zahllose überlieferte Legenden werden geringschätzig belächelt. In der materiellen Verblendung der Gegenwart denken viele Menschen, das seien nur altertümliche Mythen, die heute keine Bedeutung mehr haben. Aufgrund einer phantastischen Bilderwelt passen sie nicht in die derzeitige Logik. Es fehlt der Blick für die innere Struktur eines jeden Mythos, da der heutige Mensch im Wesentlichen auf die äußere Form einer Geschichte achtet und sich unterhalten lassen möchte. Er will sich sozusagen „unten halten“. Voreilig verwirft er die Mythologie als irrational, wenn von Drachen die Rede ist, die den Helden in seiner Kraft prüfen, oder wenn magische Werkzeuge auftauchen, die das Werk des Helden unterstützen. Die unlogisch und unvernünftig anmutende Flut von Bildmaterial in antiken Mythen findet keine Gnade vor den strengen Richtern moderner Intellektualität. Obwohl die Mythen des Altertums noch als Pflichtlektüre durch die Gymnasien geistern, wird vieles entmythologisiert, da man den inhaltlich wertvollen Zugang nicht mehr findet. Die Schulen konzentrieren sich hauptsächlich auf äußeres Wissen, um den Menschen auf das anstrengende praktische Leben vorzubereiten. Auch Psychologen kümmern sich eigentlich nicht um die Seele, sie therapieren ihre Klienten hauptsächlich auf das Ziel hin, alltagstauglich und unauffällig durch die Welt zu gehen. Selbst die religiösen Mythen drohen in einer historisch orientierten Religionswissenschaft unterzugehen. Die Perspektive einer geistigen Erhebung schimmert für das Gros der Bevölkerung leider kaum noch hindurch. Entmystifiziert verfehlen auch christliche Motive ihren heilsamen Zweck und dienen allenfalls einer sozial-moralischen Umgangsform. Als Meister Eckhart im 13. Jahrhundert den Begriff „Bildung“ der deutschen Sprache hinzufügte, definierte er das Bild noch als eine Sache zwischen Mensch und Gott. Ein Gebildeter sollte jenen uralten Bildern nachfolgen, die ihn über den niederen Instinkt in eine erhöhte Wahrnehmung zu erheben vermochten. Wer sich jedoch heute für gebildet hält, meint nicht viel mehr, als dass er ausreichend über die Bandbreite menschlicher Handlungen informiert ist. Allgemeinbildung nennt man dies. Vielseitig interessiert zu sein gilt als Gütesiegel. Interesse heißt aber „dazwischen sein“ und mal hier, mal da ein Randgeschehen „downzuloaden“.

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Quelle: Matrix3000 Band 73

 

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