03/27/2014 21:14

Ernährung und Genetik

Category: Gesundheit

Die Mechanismen unserer Ernährungsgewohnheiten, die sich in dem etwas abgedroschenen Idiom "Du bist, was Du isst!" ausdrücken, sind seit langem bekannt. Neuesten Erkenntnissen zufolge steckt dahinter jedoch weitaus mehr als nur der "Volksmund". Mehr und mehr zeigt sich, dass unsere gesamte kulturelle Entwicklung in unseren Genen verschlüsselt ist. Nutrigenetik heißt der neue Forschungszweig. Er sollte nicht in einem extrem materialistischen Sinn missverstanden werden, dass unsere ganze Zivilisation nur auf "Biochemie" basieren würde. Es handelt sich vielmehr um eine komplexe Wechselwirkung zwischen kultureller und genetischer Evolution im Laufe der Jahrtausende unserer Geschichte. Einerseits sind bestimmte Verhaltensmuster in uns seit jeher genetisch angelegt, das ist klar. Auf der anderen Seite jedoch können kulturelle Gewohnheiten, zu denen auch das Essverhalten gehört, zu genetischen Mutationen führen. Dies hat dann zur Folge, dass die Vorliebe für bestimmte Nahrungsmittel sowie deren Verträglichkeit späteren Generationen bereits angeboren ist. Ein Beispiel ist die menschliche Gewohnheit, Milch und Milchprodukte zu konsumieren. Bei keiner anderen Säugetierart wird Milch verzehrt, nachdem man dem Kindesalter entwachsen ist. Menschen dagegen entwickelten eine regelrechte Nahrungsmittelindustrie, angefangen von der Haltung von Milchvieh über die Verarbeitung der Milch zu unterschiedlichen Produkten. Ungeachtet aller Kritik am Milchkonsum und der weitverbreiteten Laktoseintoleranz ist es unbestreitbar, dass die meisten Menschen heute ein Milchbekömmlichkeitsgen in sich tragen, das erst im Laufe der kulturellen Entwicklung der Menschheit entstand.

Umgekehrt kann auch die Unverträglichkeit bestimmter Nahrungsmittel genetisch angelegt sein, selbst wenn es sich um solche Produkte handelt, die in früheren Epochen in großem Maße verzehrt wurden.

Ein Beispiel liefert der prominente Fernsehkoch TIM MÄLZER, der sich vor laufenden Kameras outete, dass er kein Vollkornbrot verträgt und dass dies bei ihm genetisch bedingt sei. Noch bis ins Mittelalter und die frühe Neuzeit wurde fast ausschließlich Vollkorngetreide konsumiert, bevor im Zuge einer zunehmend industrialisierten Massenproduktion von Backwaren zunehmend Auszugsmehle aufgrund ihrer besseren Haltbarkeit in Gebrauch kamen. Erst in den letzten Jahrzehnten wird nunmehr wieder verstärkt der Konsum von Vollkornprodukten propagiert, da diese gesünder seien und mehr Vitamine und Mineralstoffe enthalten. Aus Sicht der Nutrigenetik jedoch bedeutete dies die Rückkehr zu einer Ernährungsweise, die die Menschen seit vielen Generationen nicht mehr gewohnt waren. Es ist daher dringend davor zu warnen, eine Art von Vollkorn-Fanatismus zu entwickeln oder die Menschen gar per Gesetz zum Verzehr von Vollkornkost zu zwingen, da eine solche Ernährungsumstellung nicht allein eine Frage des Willens, sondern auch der genetisch angelegten Verträglichkeit ist.