02/23/2012 11:25

Alles vorbei, Tom Dooley…

Category: Gesellschaft
By: Franz Bludorf

Ein Kommentar von Franz Bludorf

„Na, bei Dir ging es ja hoch her am Wochenende!“ Stefan schaut seinen Arbeitskollegen verwundert an. Der Kollege ist bestens informiert darüber, wie Stefan auf seiner Party angezogen war, wie viel er getrunken hat, mit wem er getanzt hat. Auf Stefans Frage: „Woher zum Teufel weißt du das alles?“ erscheint er seinem Kollegen wie ein kleines grünes Männchen vom Mars. Der Vergleich ist vielleicht gar nicht einmal so falsch. Stefan ist zwar ein moderner Mensch mit Handy, E-Mails und Internet-Anschluss, doch von dem virtuellen Kontinent, der im Hintergrund unsere Gesellschaft bereits unterwandert hat, hat er sich bislang aus Überzeugung ferngehalten. Die Antwort auf seine Frage ist ganz einfach: Eine Frau, die ebenfalls auf der Party war, hatte ihren Facebook-Status aktualisiert und die Ereignisse in allen Einzelheiten geschildert. Videoclips dazu konnte jeder auf YouTube einsehen.

Es ist eine Illusion zu glauben, wenn man bei den sozialen Netzwerken nicht mitmacht, wäre man dort auch nicht präsent. Die meisten Facebook-Mitglieder haben auch noch ein privates Umfeld in der realen Welt, kennen Menschen, die nicht nur „Facebook-Freunde“ sind. Und diese Menschen tauchen dann zwangsläufig in den Online-Erzählungen auf. Für den Informationskraken Facebook eine Fundgrube zur Akquisition neuer Mitglieder.

Bei der „Screenager“-Generation (Teenager, die die meiste Zeit in den sozialen Netzwerken verbringen) treibt der zunehmende gesellschaftliche Druck, den eigenen Facebook- Status aktuell zu halten, manchmal seltsame Blüten. Geht z. B. eine Partnerschaft in die Brüche, dann ist es ein Wettlauf mit der Zeit, wer von den beiden die Online-Gemeinde als erster darüber informiert. Ansonsten könnte ja der Eindruck entstehen, man sei „abserviert“ worden und hätte nicht selbst die Beziehung beendet.

Umfragen zufolge fühlen sich mehr als die Hälfte der Kinder unter zwölf Jahren einsam und traurig, wenn sie keinen Zugang zum Internet haben. Selbst Babys werden bereits mit Touchscreen-Geräten wie dem iPad vertraut gemacht, der vermutlich die märchenerzählende Oma ersetzen soll. Eltern sind zunehmend alarmiert darüber, wie ihre Kinder von den sozialen Netzwerken absorbiert werden.

Früher mussten Jugendliche sagen, wohin sie gehen und wen sie treffen. Heute ist es für die Eltern ebenso wichtig zu erfahren, mit wem sie chatten. Immerhin nutzen die meisten Jugendlichen die Netzwerke geradezu sträflich naiv. Eine junge Frau äußerte allen Ernstes einmal, sie sei bereit, bei einem wildfremden Menschen zu übernachten. Er sei vertrauenswürdig, da er ja eine Facebook-Seite habe. Anders Behring Breivik, der Massenmörder von Oslo, hatte auch eine…

Zum Konflikt kommt es, wenn Eltern von ihren Sprösslingen verlangen, ihre Facebook-Seite zu schließen. Für die Screenager-Generation wäre ein Leben ohne Facebook gleichbedeutend mit dem gesellschaftlichen Tod. „Alles vorbei, Tom Dooley, schon vor dem Morgenrot…“ So weit ist der Stellenwert des realen Lebens in der bunten iPhone-Welt bereits abgesunken. Stefan hingegen fragt sich, inwieweit er überhaupt noch Lust hat, mit Freunden Spaß zu haben, wenn das dann jeder hinterher auf YouTube anschauen kann. Die Facebook-Generation hat ihre Privatsphäre aufgegeben – und die ihrer Mitmenschen gleich mit.

Quelle: Matrix3000 Band 68