12/20/2012 08:01

Wir sehen Sie!

Category: Gesellschaft

Für den Einzelhandel ist nichts wichtiger, als über Vorlieben, Neigungen und Bedürfnisse der Kunden möglichst gut Bescheid zu wissen. Dem Einfallsreichtum der Kommerz-Spione sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Fast schon anachronistisch wirkt die gute alte Payback- Karte, mit deren Hilfe auch notorische Barzahler dazu verleitet werden sollen, für eine Belohnung von ein paar Cent Rabatt an der Kasse ihren Einkauf inklusive Kundennamen elektronisch speichern zu lassen. Der neueste Hit der Spyware-Technologie kommt aus Italien. Dort produziert die Firma Almax SpA neuartige Schaufensterpuppen, sogenannte „EyeSee Mannequins“, die nicht mehr „nur Puppen“ sind, sondern im wahrsten Sinne des Wortes „Schau“-Fensterpuppen. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal am Schaufenster einer Boutique vorbeigehen. Nicht nur Sie schauen die Waren an, sondern es kann passieren, dass auch Sie selbst dabei angeschaut werden! In einem Auge der Mannequins von Almax ist nämlich eine Videokamera eingebaut, die genau registriert und aufzeichnet, wer die Puppe bzw. das, was sie trägt, betrachtet. Ein nachgeschalteter Prozessor führt dann eine aufwendige Gesichtserkennung durch. Um wen handelt es sich? Um einen Mann oder eine Frau? Alt oder jung? Hell oder dunkelhäutig? Gleichzeitig werden weitere Daten erhoben, z. B. wie lange die Person vor der Ware stehen bleibt.

Auf diese Weise sollen detaillierte Kundenprofile erstellt werden, die es dem Händler ermöglichen, sein Warenangebot den wahren Käuferschichten anzupassen. Im Internet ist es seit langem gang und gäbe, anhand des Surfverhaltens Persönlichkeitsprofile von Internetnutzern den Händlern verfügbar zu machen. Diesen Wettbewerbsnachteil sollen herkömmliche Ladenbesitzer mit Hilfe der Almax-Technologie nunmehr ausgleichen können. Mittlerweile sind die italienischen Superpuppen – Stückpreis 4000 Euro – in mehreren europäischen Ländern und in den USA bereits im Einsatz. Datenschützer sind alarmiert. „Menschen einzig zum Zweck der Profitmaximierung zu beobachten, ist ein Tabubruch und könnte als Sammlung personenbezogener Daten ohne Einverständnis angesehen werden“, zitiert Bloomberg TV einen prominenten Fachanwalt. Auch die möglichen Weiterentwicklungen der Technologie sind bedenklich. Wer sollte die kommerziellen Datensammler daran hindern, den Mannequins in Zukunft auch Ohren zu verpassen – Mikrofone, die aufzeichnen, was der Kunde sagt, um auch dies im Computer auszuwerten? Almax plant so etwas tatsächlich, wie die Firma verlautbaren ließ.

Und wie soll eigentlich auf diese Weise das Entwickeln neuer Marketingstrategien im herkömmlichen Einzelhandel funktionieren? Im Internet werden dem Benutzer, der einen bestimmten Artikel anklickt, anhand seines Persönlichkeitsprofils weitere Artikel angeboten, die ihm möglicherweise gefallen könnten. Nun kann der Ladeninhaber ja nicht in Windeseile neue Puppen mit bestimmten Kleidungsstücken heranschaffen, wenn das EyeSee- Mannequin beim Kunden bestimmte Präferenzen festgestellt hat. Der Händler kann aber Fernsehmonitore im Laden haben, die die zusätzlichen Kaufvorschläge präsentieren, sobald der Kunde das Geschäft betritt.

Quelle: Matrix3000 Band 73