08/30/2012 12:40

Das „gottverdammte Teilchen“

Category: Wissen
By: Franz Bludorf

Ein Kommentar von Franz Bludorf.

„Ein großer Schritt für die Wissenschaft“, titelte das Wirtschaftsmagazin The Economist im Juli 2012 großspurig – in Anlehnung an den berühmten Ausspruch des ersten Mondfahrers Neil Armstrong. Auch andere Nachrichtenmagazine hatten plötzlich wieder einmal ein Wissenschaftsthema in den Schlagzeilen. Grund des Medienhype – die Meldung, der gigantische Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider) am CERN in Genf habe erstmals das ominöse „Gottesteilchen“ nachgewiesen, das Higgs-Boson – so sein offizieller Name in der Wissenschaft. Obwohl aus seinem ursprünglichen Spitznamen das „verdammt“ gestrichen worden ist (Auf Wunsch eines amerikanischen Buchverlegers), ist dieses Attribut bis heute an ihm hängengeblieben. Es lässt sich suchen, aber nicht finden.

Higgs-Boson, das klingt etwas nach Schluckauf, es ist aber lediglich nach dem Mann benannt, der es vor Jahrzehnten in der Theorie vorhersagte. Ein Teilchen, das die letzten Erklärungen für den Aufbau der Materie im Universum liefern soll. Winkt Peter Higgs jetzt, im Alter von 83 Jahren, noch der Nobelpreis? Wer sich berufen fühlte, spekulierte bereits über Konsequenzen der Entdeckung. Reisen mit Lichtgeschwindigkeit sollten jetzt möglich sein (armes Higgs-Boson, wofür es alles herhalten muss!), ich brauche die ganze Palette wohl nicht weiter auszubreiten. Seltsam nur, dass kein großes Wissenschaftsmagazin in die allgemeine Euphorie einstimmte. Wo waren die begeisterten Kommentare von Nature oder Science? Vielleicht bekommen alle, die mit ihren Sensationsmeldungen vorauspreschten, ja doch noch den Schluckauf? Das Higgs-Boson hat es nämlich in sich. Aufgrund seiner bereits theoretisch berechenbaren Eigenschaften ist es äußerst schwer zu schnappen. Es kann sogar die Zeitbarriere durchbrechen und Informationen über sich selbst in die eigene Vergangenheit senden. So ein Teilchen entdeckt man nicht so eben einmal nebenher. Um es zu erwischen, muss man gewaltige Hürden überwinden.

Zunächst einmal: Was hat man eigentlich bei CERN entdeckt? Inmitten eines umfangreichen Punktediagramms, das einen atomaren Zerfallsprozess darstellt, gab es irgendwo einen winzigen Hubbel. Das war’s schon. Damit aber war das vermeintliche Higgs-Teilchen nur für wissenschaftliche Laien „entdeckt“. Die Wissenschaftler wissen genau – es müssen erst noch korrespondierende Experimente des Atlas- und CMS-Detektors – beide ebenfalls am CERN – den Fund bestätigen. Das CMS-Experiment scheiterte jedoch wenig später. Resultate wie die am LHC Anfang Juli 2012 hatte es schon öfter gegeben – auch am inzwischen stillgelegten Tevatron-Beschleuniger in den USA. Selbst die Schlagzeile „Higgs-Boson entdeckt“ ist keineswegs neu. Vielleicht schickt uns das Higgs-Teilchen ja ab und zu ein paar Brotkrumen in seine Vergangenheit, damit wir die Suche nicht aufgeben?

Spektrum der Wissenschaft, die deutsche Ausgabe des Scientific American, urteilt salomonisch über das „Gespenst von Genf“: Vermutlich hat man bei dem LHC-Experiment ein neues Teilchen entdeckt. Dass es das Higgs-Boson ist, ist schon weniger sicher. Die Wissenschaft hat offenbar wieder einmal ganz knapp danebengeschossen. Aber seit die zahllosen unscharfen Fotos des Ungeheuers von Loch Ness für die Presse nicht mehr für das Sommerloch taugen, muss eben etwas ebenso Ungreifbares herhalten – das „Gottesteilchen“. Die „Entdeckung des Higgs-Bosons“ – vorerst leider nur ein großer Schritt für die Sensationspresse!

Quelle: Matrix3000 Band 71