10/31/2014 11:20

Graffitis für Frauenrechte

Category: Politik

Malina Suliman, unten mit einem ihrer Graffitis

Vor zwei Jahren deklarierte die Internationale Organisation der Menschenrechte Afghanistan zum schlimmsten Platz auf Erden für Frauen. Selbst der Kongo und Pakistan, wo das Schicksal der Frauen grauenvoll ist, landeten auf den Plätzen in diesem Ranking.

Obwohl sich die Situation der Frauen seit dem Sturz der Taliban immens verbessert hat, bleibt die in der Verfassung garantierte Gleichheit weiter nur auf dem Papier. Nur eine sehr kleine Zahl von Frauen in diesem Land hat die Möglichkeit, in den Armeedienst, in die neuen Firmen oder in die Welt der Kunst einzudringen. Die Regierung in Kabul versucht das Image des Landes fast mit Gewalt zu verbessern, und deshalb bemüht sich Präsident Hamid Karsai seit Jahren, eine auserwählte Frau zu unterstützen. Man kann diese Frau dem Westen gut präsentieren, um zu beweisen, dass sich im Land etwas ändert. Diese junge Künstlerin heißt Malina Suliman (25). Sie ist die Königin des Graffiti in Afghanistan. Als erste hatte sie angefangen, in der Stadt Graffitis zu gestalten. Dann kamen die Murals (Fresken), auf denen Frauen als Skelette in Burkas dargestellt wurden. Die machten Malina weltberühmt. Die Bilder erzählen von Frauen, die „in Burkas eingeschlossen sind. Sie haben keine Freiheit, keine Träume, sie sind wie tot.“, sagt die Künstlerin.

Malina malt nicht nur auf Wänden, aber auch auf Glas, macht Skulpturen und gestaltet umfangreichere Installationen. In ihrer Heimat werden Frauen immer noch so behandelt, als ob sie Besitz der Männer wären. Sie haben kaum Chancen, eigene Pläne, Berufe, oder Meinungen zu haben. Mit ihrer Arbeit kämpft Malina gegen den konservativen Teil der Gesellschaft im Lande. Und gerade das ist nicht einfach. Ihr eigener Vater hatte sie für elf Monate unter Hausarrest gestellt, nachdem er erfahren hatte, dass sie keine Absicht hat zu heiraten, sondern selbstständig werden will. Später begann Malina mit ihren Farbspraydosen durch die Stadt zu gehen. Sie riskierte dabei das Leben. Es ist verheirateten Frauen wie auch jungen Mädchen verboten, allein auf die Straße zu gehen. Ihr erstes Graffiti hatte Malina in einer Burka, nur mit einem kleinen Schlitz für die Augen, angefertigt. Oft werfen Menschen mit Steinen nach ihr, drohen und beschimpfen sie. Sie nennen Malina „Agentin des Westens“, weil sie in Holland ein Stipendium für die Kunst bekommen hatte. Die Taliban bezeichnen ihre Kunstwerke als „Götzenbilder“. Bei ihnen steht darauf die Todesstrafe.

Trotz allem hängen die Arbeiten von Malina heute im Präsidentenpalast in Kabul. Die Regierung veranstaltet dort Ausstellungen, die hauptsächlich von Männern besucht werden. Für die Taliban ist Malina Suliman ein Ziel für Attentate. Deshalb hat sie immer große Angst, wenn sie eine neue Ausstellung oder Vernissage eröffnen muss. Auch Kontakte zu ihren früheren Freunden zu halten, ist für sie problematisch. Man hat Angst, sich in ihrer Gesellschaft zu zeigen, Angst davor, getötet zu werden.

Malina Suliman sagt: „In meinem Land ist seit 30 Jahren ununterbrochen Krieg. Die Kunst existiert praktisch nicht.“ Dennoch will die junge Frau weiterhin in ihrem eigenen Land als Künstlerin wohnen und arbeiten. Sie will für die Frauenrechte kämpfen, sich politisch engagieren, und sie ist sich bewusst, dass ihr Leben nicht einfach sein wird. Nach einer Zeit der „Freiheit“ im Westen wird Malina daher zurück nach Afghanistan gehen. Sie möchte Impulse für jüngere Menschen setzen, um eine Künstlerszene im Lande ins Leben zu rufen. Nicht nur einige Männer, auch ein paar junge Frauen haben sich ihr schon angeschlossen, obwohl sie praktisch kein Geld für Farben und Bildhauermaterial haben. Sie arbeiten mit dem, was sie auf der Straße finden – alte Gemälde, Papier, Glas und andere Stoffe.

Malina sagt: „Je mehr solche Enthusiasten wie ich mitarbeiten werden, desto schneller kommen die Veränderungen. Sie können einen, zwei, einhundert Künstler töten, aber sie können doch nicht uns alle töten.“ Alles spricht dafür, dass wir noch in Zukunft sowohl von Malina als Künstlerin, als auch von einer politisch engagierten Frau hören werden.

Ihr Vater aber hat noch nicht die Hoffnung verloren, Malina schnell, gut und traditionell zu verheiraten.

Quelle: Matrix3000 Band 84