02/26/2015 07:43

Pekings „Airpokalypse“

Category: Politik

Ein Besucher der chinesischen Hauptstadt Peking gewinnt mittlerweile den Eindruck, auf einem fremden Planeten gelandet zu sein – oder in einem schlecht gemachten Science-Fiction-Film, der eine ferne Horror-Zukunft zeigt. Oder – was am wahrscheinlichsten ist – er befindet sich am Schauplatz eines Live-Experiments, wie Menschen eines Tages auf einer unbewohnbar gewordenen Erde überleben könnten.

Atemschutzmasken gehören angesichts der seit Jahren extrem verschmutzten Luft in Peking längst zum Stadtbild. Inzwischen reichen die Papiermasken meist nicht mehr aus, man sieht immer öfter Menschen mit schweren Gasmasken mit Luftfiltern. Wer keinen Atemschutz hat, den kratzt die dicke, schwere „Atemluft“ mächtig im Hals, und wenn er sich die Nase putzen muss, wird das Taschentuch schwarz. Die Lichtreklamen an den Wolkenkratzern der Stadt phosphoreszieren wie matte Nordlichter durch den tief hängenden Smog. Der trübe Schein der Mittagssonne erinnert eher an den Vollmond.

Blauen Himmel sah man hier zuletzt im November 2014, als Peking Gastgeber der APEC-Konferenz war (Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft). Zu solchen Anlässen wird der ganzen Stadt ein „Lockdown“ verordnet, d. h. alles, was die Luft verunreinigen könnte, wird zwangsweise abgeschaltet. Der Himmel klärt sich nach einiger Zeit auf, und seine Farbe ist dann eben nicht mittelmeerblau, sondern „APEC-blau“. 2008 war er „olympiablau“. Und am Horizont sieht man in der klaren Luft sogar die fernen Berge, von denen die meisten Chinesen schon vergessen hatten, dass sie existieren.

Der Alltag in Peking sieht ganz anders aus. Kinder spielen Fußball, aber nicht wie überall auf der Welt auf einem Sportplatz im Freien, sondern „under the dome“, also unter einer Kuppel aus Kunststoff. Um ihren Klassenraum in der Schule zu betreten, müssen sie eine Luftschleuse passieren. Wenn am Schulgebäude die rote Fahne gehisst wird, wissen die Schüler – auf jeden Fall nach Hause gehen, Fenster schließen. Die Schule fällt aus.

An schlechten Tagen sind die normalerweise stark frequentierten Radfahrwege völlig verwaist. Wer kann, bleibt zu Hause oder rettet sich in eine der hermetisch versiegelten, voll klimatisierten Einkaufsgalerien.

Im offiziellen Sprachgebrauch wird das Problem immer noch verharmlost. Da ist die Rede von „Nebel“, nicht von Verschmutzung. Nur dass dieser Nebel niemals aufhört. Der irreführende Sprachgebrauch bedeutet übrigens keinesfalls, dass die chinesischen Behörden nichts zum Schutz ihrer Bürger unternehmen würden. Im Gegenteil - das Besondere an der 21-Millionen- Metropole Peking ist es gerade, dass sich hier die „Airpokalypse“ bereits im architektonischen Stadtbild ausdrückt. Vieles wurde getan, um zumindest ein paar begrenzte Biotope zu schaffen, in denen normale Lebensbedingungen künstlich simuliert werden. Und auch um neue Ideen ist man nicht verlegen. Ein Architekt schlug vor, man könne auf den Dächern der Wolkenkratzer Sprinkleranlagen montieren, die den tiefhängenden Smog auswaschen sollen. Angesichts von Chinas chronischer Wasserknappheit nicht ganz unproblematisch. Oder man könnte „elektronische Staubsauger“ installieren, d. h. unterirdisch riesige Kupferspulen vergraben, deren elektrostatische Felder die Smogpartikel anziehen sollen. Die Vorschläge werden immer bizarrer. Ob sie auch hilfreich sind, steht auf einem anderen Blatt. Sollten Sie in Peking einem Radfahrer begegnen, dessen Aussehen an „Darth Vader“ erinnert, könnte er auf einem „Atmungs- Fahrrad“ unterwegs sein. Bei jedem Tritt in die Pedale treibt das Fahrrad Luft durch einen Filter und leitet sie dann durch einen Schlauch an die Gasmaske des Radfahrers weiter.

China ist ja bekanntlich Raumfahrtnation. Vielleicht sollte man an die Bürger Pekings ganz einfach Raumanzüge ausgeben?

Und was man bei alledem nicht vergessen sollte – das ist keine Übung!

Quelle: Matrix3000 Band 86