04/30/2015 13:11

Jenseits des Abschieds

Category: Mystery

Dass Menschen, die sich nahe stehen, nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben miteinander teilen können, ist eine faszinierende, bislang kaum bekannte Dimension menschlicher Erfahrung. Es scheint in Einzelfällen vorzukommen, dass ein Sterbender eine ihm nahestehende Person bei seinem Übergangserlebnis auf die andere Seite für einige Zeit als Begleitung mitnehmen kann. Anschließend kehrt diese Begleitperson, die selbst keinen Zustand des klinischen Todes erlebte, ins normale Leben zurück und kann von ihrer Erfahrung berichten. Die Wissenschaft diskutiert nun darüber, ob solche „Shared- Death Experiences“ tatsächlich real sein oder gar den lang ersehnten Beweis für ein Leben nach dem Tod liefern könnten.

William Peters arbeitete als Volontär in einem Hospiz, als es zu einer seltsamen Begegnung mit einem Sterbenden kam, die sein Leben für immer veränderte.

Ron war ein früherer Matrose bei der Handelsmarine und lag in dem Hospiz mit unheilbarem Magenkrebs. Peters sagte, er verbrachte etwa drei Stunden pro Tag am Bett des Kranken, sprach mit ihm oder las ihm aus Büchern vor, da Ron kaum Besuch von Angehörigen oder Freunden erhielt. Eines Tages kam William Peters etwa zur Mittagszeit wieder in Rons Zimmer und fand den Mann nur noch halb bewusst vor. Dennoch setzte er sich zu ihm und las ihm Passagen aus Jack Londons Roman „Lockruf der Wildnis“ vor. Was dann geschah, so Peters, war unerklärlich. Er spürte, wie eine Kraft seinen Geist aus dem Körper riss und nach oben trieb. Dann sah er sich über Rons Bett schwebend und auf den Körper des Sterbenden hinabsehend. Als er sich zur Seite umblickte, gewahrte er Ron neben sich, ebenfalls schwebend und die gleiche Szenerie beobachtend.

„Er schaute mich an und warf mir einen glücklichen, zufriedenen Blick zu, als ob er mir sagen wollte: ‚Siehst du, hier sind wir.‘“ Das Erlebnis war nur kurzzeitig, wie ein Blitzlicht, dann spürte Peters, wie sein Geist wieder in den Köper schlüpfte.

Kurze Zeit später war Ron tot, doch die Fragen bei seinem Sterbebegleiter blieben. Er wusste nicht, wie er dieses Erlebnis nennen sollte, doch er sollte bald erfahren, dass seine Erfahrung nicht einzigartig war. William Peters hatte ein „Shared-Death Experience“.

Die meisten von uns haben schon über Nahtoderfahrungen gehört – Berichte von Menschen, die gestorben und von der Medizin ins Leben zurückgeholt worden waren. Oft berichteten sie anschließend vom Durchqueren eines Tunnels, an dessen Ende ein fernes Licht leuchtete. Solche Berichte sind bereits fester Bestandteil unserer populären Kultur geworden. Shared-Death Experiences sind ein sogar noch rätselhafteres Phänomen. Dabei wird über solche Erlebnisse bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts berichtet. Die Besonderheit dieser Schilderungen ist es, dass nicht nur Menschen am Rande des Todes einen Blick ins Leben nach dem Leben werfen konnten (wobei Skeptiker dies oft als Halluzinationen wegen der verabreichten Medikamente oder einer veränderten Gehirnchemie im Zustand des klinischen Todes abtun). Angehörige oder Freunde, die physisch oder emotional in den Tod eines Menschen involviert sind, können seine Wahrnehmungen beim Sterben teilen. Diese Menschen sind weder krank noch verletzt, sie stehen nicht unter Betäubungsmitteln oder anderen Medikamenten, und in ihrem Körper laufen auch keine abnormalen physiologischen Vorgänge ab. Dennoch sind sie zu den gleichen Wahrnehmungen fähig wie die Sterbenden. Die in der Literatur gesammelten Berichte sind vielfältig. Mal waren es Soldaten, die ihren Kameraden beim Tod auf dem Schlachtfeld beistanden, ein anderes Mal Krankenschwestern in Hospizen oder Menschen, die am Totenbett ihrer Angehörigen die Totenwache hielten. Alle erzählen ähnliche Geschichten, die die gleiche Message beinhalten: Der Mensch muss nicht allein sterben. Einige von uns finden auf irgendeine Art einen Weg, um seinen Übergang auf die andere Seite zu teilen.

Quelle: Matrix3000 Band 87