02/25/2016 11:54

Die „heiligen drei Flüchtlinge“?

Category: Politik

Lindts Adventskalender wurde mit diesem Orient-Motiv bereits seit zehn Jahren angeboten.

Die in Deutschland mittlerweile extrem aufgeheizte islamfeindliche Stimmung nimmt zuweilen hysterische bis lächerliche Züge an. In der Vorweihnachtszeit des vergangenen Jahres fegte im Internet ein „Shitstorm“ über den Schweizer Schokoladenhersteller Lindt hinweg. Anlass war die Tatsache, dass der aktuelle Schokoladen-Adventskalender des Unternehmens bei Amazon zum Verkauf angeboten wurde.

Das Bild zeigt eine orientalische Szene, die an 1001 Nacht erinnert, ein palastartiges Haus mit Zwiebeltürmen, davor die heiligen drei Könige, der biblischen Überlieferung zufolge „Weise aus dem Morgenland“, die dementsprechend auf Kamelen reiten und typisch orientalische Kleidung tragen - Turban und Burnus.

Offenbar sind die tumben Neorassisten Deutschlands so ungebildet, dass ihnen nicht einmal die Weihnachtsgeschichte aus ihrer eigenen christlichen Bibel ein Begriff ist, denn anders ist der Shitstorm nicht zu erklären. Lindt habe seinen Adventskalender „für Flüchtlinge als neue Zielgruppe“ angepasst, das war noch einer der zahmeren Kommentare. Man hofiere mit dem Artikel den Islam, der seinerseits unsere Kultur hasse. In einem anderen Posting wird es sarkastisch: „Und am 24. Dezember dürfen wir dann das Türchen öffnen, das uns direkt in die Moschee führt.“

Treudeutsch kitschig-belustigend wurde es, als eine Frau postete, sie wünsche sich für den Adventskalender ein verschneites Kleinstadtmotiv, wie es der gute deutsche Patriot eben so liebt - mit Fachwerkhäuschen und Kirchlein, so wie bei der Märklin-Eisenbahn. Oder ein deutsches Familienidyll mit glänzenden Kinderaugen, die auf den Gabentisch unter dem urdeutschen Christbaum schauen.

Das Unternehmen reagierte gelassen und ließ über seinen Pressesprecher verkünden, man habe beabsichtigt, ein typisches Szenario darzustellen, das dem Lokalkolorit der Geburt Christi gerecht werde, und „leider wurde Jesus nun einmal nicht in Rheinland-Pfalz geboren“.

Auch hinsichtlich der vielgescholtenen „Moschee“ musste der Schokoladenfabrikant ganz branchenfremd den offenbar bildungsmäßig unterbelichteten Patrioten ein wenig Nachhilfeunterricht in elementarster Allgemeinbildung erteilen. Es handele sich bei dem Gebäude keinesfalls um eine Moschee, da es nicht einmal ein Minarett besitzt, sondern lediglich um ein Haus in orientalischer Bauart. Wie hätte man wohl die Ankunft der drei Könige aus dem Morgenland anders treffend darstellen sollen? Eine Geschichte, die mehr zum christlichen Weihnachtsfest gehört als alle deutschtümelnden Heimatidylle zusammen, inklusive des ursprünglich heidnischen Weihnachtsbaums?

Wer in diesem Adventskalender also eine Darstellung der „heiligen drei Flüchtlinge“ zu erkennen glaubte, der sollte erst einmal im Lukas-Evangelium nachlesen - natürlich, nachdem er das Lesen erlernt hat!

Quelle: Matrix3000 Band 92

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