02/25/2016 10:22

Angriffsziel Berlin

Category: History

Kurz bevor John F. Kennedy am 26. Juni 1963 seinen berühmten Ausspruch tätigte, dass er „ein Berliner“ sei, hatte Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Willy Brandt dem US-Präsidenten noch - wie damals üblich - dafür gedankt, dass die USA als militärische Schutzmacht die Westsektoren der geteilten Stadt gegen mögliche Bedrohungen von seiten der Sowjetunion beschützten. Heute ist es klar, dass Kennedy seinen Ausspruch wohl doch nicht so ganz wörtlich gemeint hatte. Das US-Nationalarchiv in College Part (Maryland) hat Ende 2015 streng geheime Dokumente aus der Zeit des Kalten Krieges freigegeben, wonach Berlin im Kriegsfalle sogar zu den „Targets“ für einen eventuellen nuklearen Angriff gehört hätte. Diese Dokumente haben sowohl in den USA als auch in Deutschland allgemeines Entsetzen ausgelöst. Unter den freigegebenen Akten befinden sich sogenannte Ziellisten des Strategic Air Command (SAC) der US Army von 1956. Darin ist explizit auch von Ost-Berlin die Rede, seinerzeit die vom Westen nicht anerkannte „Hauptstadt der DDR“. In dem Dokument machen die US-Militärs unmissverständlich klar, dass es ihnen nicht um einen Angriff auf strategische Ziele ging - sofern das beim Einsatz von Nuklearwaffen überhaupt möglich ist. Das Angriffsziel Berlin hatte die „Zielkategorie 275“ erhalten, und das bedeutet im Militär-Kauderwelsch nichts anderes als „Population“. Also die zivile Bevölkerung sollte bei dem hypothetischen atomaren Luftschlag vernichtet werden. Weitere potenzielle Ziele für nukleare Angriffe auf damaligem DDR-Territorium waren Bernau, Hennigsdorf, Oranienburg, Potsdam und Velten, alles im „Speckgürtel“ Berlins gelegen. Ursprünglich war es die Strategie der US Army gewesen, das besetzte Deutschland im Konfliktfall mit Bodentruppen zu verteidigen. Als das SAC im Laufe der Fünfziger Jahre jedoch eine zunehmende militärische Überlegenheit der Roten Armee zu erkennen glaubte, kam es zu einem grundlegenden Strategiewechsel, der in den nunmehr freigegebenen Ziellisten seinen Ausdruck fand.

Damit war natürlich auch die Rolle der USA als „Schutzmacht“ West-Berlins obsolet geworden, denn dass es natürlich unmöglich war, Ost-Berlin nuklear anzugreifen, ohne gleichzeitig auch West-Berlin zu zerstören, war jedem klar. In den frühen Fünfziger Jahren hatten die USA bereits die Wasserstoffbombe erfolgreich getestet, deren Wirkung um das 300fache die Zerstörungskraft des „Fat Man“ überstieg, jener Atombombe des Manhattan-Projekts, die 1945 auf Hiroshima abgeworfen worden war.

Die nunmehr öffentlich gemachten Dokumente aus der Zeit von US-Präsident Eisenhower machen deutlich, dass die USA nichts weniger als eine „Schutzmacht“ Deutschlands waren. Es ging ihnen nur um den Erhalt ihrer Rolle als Hegemonialmacht. Das Schicksal der Bevölkerung war zweitrangig.

Quelle: Matrix3000 Band 92

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