04/28/2016 10:40

Der rätselhafte Schatz von Pyros

Category: History

Bild: Kultusministerium Griechenland

Das Grab eines Kriegers in der Nähe des Palastes von Pyros in Griechenland gibt Kulturhistorikern Rätsel auf. Rund 3500 Jahre nach der Bestattung des Toten wurde das Grab jetzt geöffnet, und zur allgemeinen Überraschung fand man dort Schätze von einem Reichtum, der eines Königs würdig gewesen wäre: Ringe und Ketten aus purem Gold, kunstvolle Schwerter, Kämme aus reinem Elfenbein sowie Tausende von Edelsteinen und anderen Juwelen. Gleichzeitig wiesen die sonstigen Grabbeigaben den Verstorbenen nicht als Angehörigen des hohen Adels aus, sondern eher als einen ganz einfachen Soldaten. Als Essgeschirr zum Beispiel hatte man ihm kein edles Porzellan, sondern Teller aus Bronze mit ins Grab gegeben.

Ungewöhnlich auch, dass der Tote mit all diesen Schätzen allein bestattet wurde, während es im antiken Griechenland ansonsten üblich war, Grabstellen für mehrere Verstorbene zu nutzen. Die gefundenen Pretiosen müssen also wohl auch sein persönliches und alleiniges Eigentum gewesen sein.

Das Grab war kürzlich von Archäologen der Universität Cincinnati bei Ausgrabungsarbeiten entdeckt worden. Ein Sprecher des Kultusministeriums in Athen bezeichnete den Schatz als den „wichtigsten Fund der letzten 65 Jahre auf dem griechischen Festland“. Bei dem Palast von Pyros, in dessen Nähe das Grab entdeckt wurde, handelt es sich um den wiederentdeckten Wohnsitz des sagenhaften Nestor, einer ursprünglich als mythologisch angesehenen Gestalt eines alten weisen Ratgebers aus der Ilias und Odyssee von Homer. Bis heute bezeichnet man eine „graue Eminenz“ zuweilen noch als „Nestor“.

Die Fundstelle des Grabes an einem eher unbedeutenden Ort abseits des Palastes hatte es, so die Wissenschaftler, absolut nicht vermuten lassen, dort einen derartigen Schatz zu finden. Über die Identität des Bestatteten besteht noch Unklarheit. Man vermutet, es könne sich um einen Priester- Krieger gehandelt haben, der die Schätze auf seinen weiten Raubzügen erbeutet hätte. Darauf weist die Art der gefundenen Gegenstände hin, unter denen sich einerseits Waffen finden, andererseits auch religiöse Artefakte unterschiedlicher Stilrichtungen wie z. B. Ikonen im minoischen Stil sowie einige Amulette und Götterfiguren.

Einer der vergoldeten Dolche habe eindeutig eine kultische Bedeutung, so die Forscher, während die sonst den Kriegern als Grabbeigaben mitgegebenen Pfeilspitzen in diesem Grab völlig fehlen. Am merkwürdigsten jedoch ist die geradezu absurd erscheinende Menge an Juwelen, von denen man sonst maximal 10-20 Stücke in einem Grab findet. Unter ihnen befinden sich Karneole, Jaspis, Bernstein, Amethyste und Achate sowie extrem viel Gold. Das alles musste in der ganzen damals bekannten Welt zusammengeraubt (oder von reisenden Kaufleuten erworben) worden sein. Viele der Juwelen stammen eindeutig aus Kreta, die Amethyste eher aus dem Nahen Osten und der Bernstein aus dem Ostseeraum. Das Grab wurde anhand der Geschirrbeigaben auf etwa 1500 v. Chr. datiert.

Es war gerade in etwa die Zeit, als die damals beherrschende minoische Kultur Kretas und die Festlandszivilisationen von Mykene und Tyrins verfielen. War der „Soldat“ möglicherweise Angehöriger eines Trupps von Eroberern, die zu Begründern einer neuen Herrscherdynastie werden wollten?

Die Wissenschaftler erhoffen sich von dem Fund wertvolle neue Erkenntnisse, womöglich sogar über das „dunkle Zeitalter“, einem Zeitraum von mehreren Jahrhunderten, als es zu einem Kulturbruch zwischen dem Niedergang der alten mykenischen Kultur und der Entstehung der späteren klassischen Antike kam. Sogar die Schrift schien den Menschen dieser Epoche verlorengegangen zu sein. Über diesen Zeitraum existierten daher bislang kaum verwertbare historische Dokumente und Artefakte. Auf jeden Fall ist das Grab eine faszinierende Zeitkapsel.

Quelle: Matrix3000 Band 93

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