06/30/2016 10:59

Englands Kindersklaven

Category: Politik

Journalisten der britischen Tageszeitungen „The Sun“ und „Daily Telegraph“ deckten Vorgänge auf, für die der Begriff „Skandal“ wohl einige Nummern zu klein ist. Der Verstand sträubt sich zu glauben, wozu Menschen aus purer Gier alles fähig sind.

Das große Erdbeben in Nepal im April 2015 ließ Tausende Bewohner der Region obdachlos werden, unter ihnen viele Kinder. Bilder von Hilfsaktionen zahlreicher karitativer Organisationen gingen um die Welt. Was man uns nicht zeigte: Skrupellose Schlepperbanden verkauften Kinder von Erdbebenopfern, die im benachbarten Indien Asyl gesucht hatten, in großem Stil als Sklaven - ein paar Tausend Pfund Sterling das Stück!

Die Verbrecher würden kaum gute Geschäfte machen, wenn sie keine Abnehmer finden würden. Und diese Kundschaft saß - nein, nicht irgendwo in Asien am Hofe eines Potentaten aus Tausendundeiner Nacht, sondern mitten in Europa, in Großbritannien, dem „Mutterland der Demokratie“.

Die investigativen Journalisten aus London, die sich den indischen Schleppern gegenüber als britische „Kaufinteressenten“ ausgaben, fanden ihre potenziellen Geschäftspartner ausgesprochen bereitwillig und kooperativ vor. Kinder an Interessenten aus Großbritannien zu verkaufen, war für sie alltägliche Routine. Zunächst präsentierten sie den Undercover- Reportern die „Ware“.

Wie auf einem Sklavenmarkt in den US-Südstaaten vor dem Bürgerkrieg wurden die Kinder in Reih und Glied aufgestellt, damit der Kaufinteressent sie betatschen und begutachten könnte. Anschließend rechneten die Schlepper genau die entstehenden Kosten vor. Zusätzlich zum Kaufpreis von 500.000 Rupien (ca. 5250 britische Pfund Sterling) - für einen Jungen - müssten noch die Kosten für die Deportation ins Vereinigte Königreich aufgebracht werden. Aber darum müsse sich der Kunde schon selbst kümmern.

In orientalisch blumigen Worten priesen die Schlepper die Vorzüge ihrer „Ware“ an - meist Kinder im Alter von etwa 10 Jahren. Es seien „gute Menschen“. Sie eigneten sich für jede Art von - natürlich unbezahlter - Hausarbeit und könnten auch ausgezeichnet kochen. Und ein weiterer Vorteil: In England würde bestimmt niemand nach ihnen suchen.

Nicht nur nepalesische Erdbebenopfer hatten die Schlepper im Angebot. Es kommt auch immer wieder vor, dass arme, kinderreiche Familien in Indien aus purer Not eines ihrer Kinder fortgeben, nachdem man ihnen versprach, es würde in Europa ein „besseres Leben“ finden. Noch immer halten viele Inder die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien für eine Art „gelobtes Land“.

Theresa May, Großbritanniens Home Secretary (Innenministerin), reagierte, auf die Zeitungsberichte angesprochen, in ihrer öffentlichen Stellungnahme natürlich erst einmal schockiert. Es seien „abscheuliche Verbrechen“ begangen worden, mit deren Aufklärung sie die National Crime Agency beauftragen werde - eine Art britisches FBI, das von ihr selbst erst im Herbst 2013 gegründet worden war. Die Zeitungen forderte sie auf, „ihre verstörenden Erkenntnisse mit den Behörden zu teilen, so dass geeignete Maßnahmen gegen die kriminellen Drahtzieher, die von diesem Handel profitieren, eingeleitet werden könnten.“

Erst im Oktober 2015 hatte das britische Parlament ein neues Gesetz, den Modern Slavery Act, erlassen, das es den Justizbehörden ermöglichen soll, den Handel mit Kindersklaven zu unterbinden und mit Haftstrafen von 14 Jahren bis lebenslänglich zu ahnden. Der eigentliche Skandal war, dass ein derartiges Gesetz erst im 21. Jahrhundert erlassen wurde (bzw. dass es überhaupt nötig war)!

So langsam fängt man an, Zwei und Zwei zusammenzuzählen: Was mag wohl aus den Tausenden syrischer Flüchtlingskinder geworden sein, die seit letztem Sommer in Deutschland angeblich „spurlos verschwunden“ sind?

Quelle: Matrix3000 Band 94