06/30/2016 12:03

Verhütung für den Mann

Category: Gesundheit

Jahrhundertelang lag Empfängnisverhütung einzig und allein in der Verantwortung der Frau. Sie war es schließlich, die ein ungewolltes Kind austragen musste und sich dazu womöglich noch gesellschaftlicher Ächtung aussetzte, wenn sie nicht verheiratet war.

Dass derartige Zustände im Grunde seit Jahrzehnten untragbar sind, ist klar. Doch trotz des Wegfalls gesellschaftlicher Vorurteile ist die Verhütung im Grunde bis heute Frauensache geblieben - allerdings vorrangig aus medizinischen Gründen.

Alle Versuche, eine „Pille für den Mann“ auf Hormonbasis einzuführen, scheiterten. Zum einen, da alle erprobten Produkte - im Gegensatz zur volkstümlichen Namensgebung - nur kompliziert anwendbar waren (keine orale Einnahme möglich, nur Injektionen), zum anderen, weil sie darüber hinaus meist schwere Nebenwirkungen hatten.

Ein deutscher Erfinder trat jetzt mit einer mechanischen Verhütungsmethode für den Mann an die Öffentlichkeit, mit der die gesamte Empfängnisverhütung möglicherweise revolutioniert werden könnte. Schließlich ist auch die „Pille für die Frau“ nicht ohne Nebenwirkungen.

Clemens Bimek ist weder Arzt noch Ingenieur, sondern Tischler von Beruf, doch das hinderte ihn nicht daran, eine Idee zu haben, der er voller Eifer nachging. Das Prinzip ist, in die männlichen Samenleiter winzige Ventile einzusetzen, die auf Wunsch die Weiterleitung der Spermien in den Penis unterbinden können. Bimek ließ sich seine Idee vom Patentamt schützen, bevor er ins Detail ging. Dann studierte er medizinische und medizintechnische Fachliteratur und befragte Ärzte, um geeignete Abmessungen und Materialien zu finden.

Clemens Bimek selbst ließ sich seine Samenleiterventile von einem Urologen einsetzen. Die Operation findet bei örtlicher Betäubung statt und ist im Grunde nicht viel komplizierter als die herkömmliche Vasektomie (Sterilisation des Mannes), bei der die Samenleiter dauerhaft durchtrennt werden.

Im Gegensatz zu dieser ist ein Mann, der Bimeks Ventile in sich trägt, nur „auf Wunsch steril“. Sollten er und seine Partnerin sich eines Tages entschließen, doch ein Kind zeugen zu wollen, kann er durch Drücken eines Schalters, der unter der Haut des Skrotums implantiert ist, die Ventile zeitweise wieder öffnen und damit den Spermienfluss reaktivieren.

Bimeks behandelnder Urologe Dr. Hartwig Bauer überprüfte die Funktionsfähigkeit der Methode nach der Operation sorgfältig, indem er regelmäßig Spermiogramme anfertigte, die jedes Mal eindeutige Resultate zeigten, dass Clemens Bimek tatsächlich bei geschlossenen Ventilen zeugungsunfähig ist. Dr. Bauer ist mittlerweile von der Erfindung restlos überzeugt und hält sie für revolutionär. Andere Ärzte sind skeptischer. Man befürchtet, es könne an den Stellen der Samenleiter, wo die Ventile implantiert sind, zu Narbenbildung kommen, wodurch die Samenleiter vollständig verschließen könnten. Aber selbst wenn - so die Befürworter - eine Nutzen-Risiken- Analyse belässt dem Mann zumindest eine reelle Chance, dass seine Zeugungsfähigkeit wiederherstellbar sein könnte, was bei der herkömmlichen Vasektomie nicht der Fall ist.

In diesem Jahr wird Dr. Bauer eine erste Studie mit 25 Freiwilligen starten, die sich Bimeks Ventile einsetzen lassen wollen. Selbst bei erfolgreichem Verlauf werden weitere Studien folgen müssen.

Um eine Marktzulassung zu erreichen, muss Clemens Bimek darüber hinaus ein Gutachten zur Unbedenklichkeit vorlegen. All das verursacht Kosten, die seinen finanziellen Rahmen übersteigen. Investoren haben sich jedoch bislang nicht gemeldet, eine Crowdfunding-Spendenaktion über das Internet brachte ebenfalls kaum etwas ein. Seltsamerweise scheinen Männer an einer wirklich sicheren und trotzdem reversiblen Verhütungsmethode kein Interesse zu haben. Schließlich schlucken die Frauen ja weiter brav ihre Pillen, was auch viel billiger ist.

Widerstände sind auch von der Pharmalobby zu befürchten, der ein Milliardengeschäft zu entgehen droht. Und die hat meist gute Kontakte zur Politik. Dass die Frauen sich dadurch weiterhin Gesundheitsrisiken aussetzen und zudem die über den Urin ausgeschiedenen Hormone der Pille das Grundwasser belasten, scheint da weniger ins Gewicht zu fallen. Bedauerlich.

Quelle: Matrix3000 Band 94