10/26/2016 10:22

Die „enthemmte Mitte“

Category: Politik

Einer Studie der Universität Leipzig zufolge befürwortet mehr als jeder vierte Deutsche eine rechtsnationale Einparteien-Diktatur

Mehr als 70 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur ist in Deutschland rechtsextremes und nationalistisches Gedankengut nicht nur wieder salonfähig geworden, sondern hat es bereits geschafft, in weiten Teilen der „politischen Mitte“ der Bevölkerung Fuß zu fassen.

Zu dieser erschreckenden Ergebnis kam eine Studie der Universität Leipzig, die u. a. von der Heinrich-Böll-Stiftung, der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert wurde. Genau wie auch in vielen anderen west- und mitteleuropäischen Ländern fallen selbst in klassisch bürgerlichen Kreisen Deutschlands zahlreiche Tabus im Denken sowie zunehmend auch im Handeln.

So zeigten sich bei einer Umfrage im Jahre 2016 mehr als 20% überzeugt, eine Einparteien- Diktatur mit starker Hand sei für Deutschland das Beste. Immerhin mehr als 12% forderten sogar einen neuen „Führer“. Das „oberste Prinzip deutscher Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.“ Gleichzeitig befürworten immer weitere Kreise der Bevölkerung eine weitere Demontage des Sozialstaates. 8,4% sind der sozialdarwinistischen Ansicht, in der Gesellschaft solle sich „wie in der Natur der Stärkere durchsetzen“.

Dass es „lebensunwertes Leben“ gebe, dafür treten sogar 9,5% ein. Und 12%, also mehr als jeder zehnte Deutsche, sind der Ansicht, Deutschland sei „anderen Völkern von Natur aus überlegen.“ Ähnlich wie pauschal gegen „Ausländer“ richtet sich der Hass bei diesen Bevölkerungsgruppen längst auch gegen Homosexuelle und andere gesellschaftliche Außenseitergruppen. Dass Homosexualität „unmoralisch“ ist, ist in Deutschland mittlerweile ebenso mehrheitsfähig wie die Meinung, Deutschland sei „überfremdet“, und sobald Arbeitsplätze knapp würden, solle man alle Ausländer nach Hause schicken, denen man ohnehin pauschal einen Hang zur Kriminalität unterstellt. Gleichzeitig werden die Untaten des Nationalsozialismus längst nicht mehr nur von Randgruppen heruntergespielt. „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten.“ Dieser Ansicht ist jeder Zwölfte. Rund 6% halten die Darstellung der Naziverbrechen in der Geschichtsschreibung für übertrieben und halten Hitler für einen „großen Staatsmann“.

Gängige Vorurteile, dass z. B. der Nationalismus hauptsächlich in Ostdeutschland bzw. in der älteren Generation, also unter den sogenannten „Ewiggestrigen“, verbreitet sei, bestätigten sich hingegen nicht. Zwar liegen die Prozentzahlen in den östlichen Bundesländern durchgehend etwas höher als in der „alten Bundesrepublik“, doch findet auch dort rechtsextremes Gedankengug mächtig Zulauf. In der Alterspyramide ziehen sich die Befürworter neonazistischer Ideologien quer durch alle Altersgruppen, und Hetzparolen finden insbesondere auch bei der jungen Generation Anklang.

Dass rechtsnationales Denken längst die politische Mitte erobert hat, bewies der Fragenkomplex, bei dem es um die bevorzugte Partei ging. Dass die AfD mit 34,9% bei Verfechtern rechter Hetzparolen ganz vorne liegt, gefolgt von der „schweigenden Mehrheit“ der Nichtwähler mit 26,4%, ist sicher nicht erstaunlich. Allerdings haben mehr als 11% trotz rechtsextremer Ansichten zu Protokoll gegeben, CDU oder CSU zu wählen, und als SPD-Anhänger outeten sich sogar über 15%. Selbst Linkspartei- und Grünen-Wähler erwiesen sich mit Werten um die 3% als von Rechten unterwandert. Die Ergebnisse der Studie wurden von der Universität Leipzig im Internet veröffentlicht.

Quelle: Matrix3000 Band 96

Matrix3000 Band 96 als E-Paper-Download