11/27/2016 17:21

Als Massachusetts Weihnachten verbot

Category: History

Ein puritanischer Gouverneur unterbindet in Massachusetts eine Weihnachtsfeier. Gemälde von Howard Pyle, 1882.

Weihnachten – das soll eigentlich ein Fest der Freude sein. Doch seltsamerweise scheint es gleichzeitig Griesgrame unterschiedlicher Ausprägung an die Oberfläche zu bringen, insbesondere in Merry Old England. Einem von ihnen – Ebenezer Scrooge – hat Charles Dickens in seinem Christmas Carol ein Denkmal gesetzt. Doch gegen das, was im 17. Jahrhundert die britischen Puritaner und ihre nach Amerika ausgewanderten Gesinnungsgenossen so trieben, war Scrooge der Liebreiz in Person!

Als die britischen Puritaner 1647 König Charles I. gestürzt und geköpft hatten, war es eine ihrer ersten Amtshandlungen, das Weihnachtsfest zu ächten. Das Parlament in London beschloss, der 25. Dezember solle statt dessen ein Tag des Fastens und der Demut für die Engländer sein, damit sie ihre Sünden bekennen würden. Die Puritaner Neu-Englands eiferten ihren britischen Brüdern nicht nur nach, sie übertrafen sie sogar noch. 1659 erklärte der oberste Gerichtshof von Massachusetts das öffentliche Feiern von Weihnachten zu einer Straftat. „Wer immer an einem Tag wie Weihnachten dabei beobachtet wird, wie er bei seiner Arbeit nachlässig ist, der Schlemmerei frönt oder Ähnliches tut“, sollte mit einer Ordnungsstrafe von fünf Schilling belegt werden.

Warum eigentlich? Prinzipiell hatten die Puritaner drei Dinge an Weihnachten auszusetzen. Erstens – dass nirgendwo in der Bibel erwähnt wird, dass man Weihnachten feiern sollte. Als religiöse Fanatiker, die einen Gottesstaat anstrebten, war für sie nur zulässig, was ausdrücklich in der Bibel erlaubt wird. Zweitens waren im 17. Jahrhundert ziemlich raue Sitten eingekehrt, was das Feiern von Weihnachten betrifft. Es war weder eine „stille“ noch eine „heilige“ Nacht, statt dessen nahmen die Menschen den Tag als Ausrede für allerlei Exzesse – sich zu betrinken und zu überfressen, Würfel- und Kartenspiele und andere Ausschweifungen zu veranstalten. Drittens – und das war wohl für die Puritaner das Schlimmste – die Verbindung zu heidnischen Kulten. Es war ihnen schon bekannt, dass Christus keineswegs am 25. Dezember geboren war, sondern dass man etwa im 4. Jahrhundert das Weihnachtsfest auf dieses Datum gelegt hatte, weil zu jener Zeit des Jahres die altrömischen Saturnalien und das germanische Julfest (Sonnenwendfest) anstanden. Auf diese Weise war es leichter, heidnische Völker zu christianisieren.

Man stellte nicht nur Weihnachtsfeiern unter Strafe, sondern veranstaltete einen regelrechten Weihnachts-Boykott. Demonstrativ blieben am 25. Dezember die Geschäfte geöffnet und die Kirchen geschlossen. Die Weihnachts-Prohibition in Massachusetts war ein einmaliger Vorgang, der anderswo keine Nachahmer fand. Im englischen Mutterland kam es etwa zeitgleich nach dem Tod Oliver Cromwells zur Wiedereinführung der Monarchie. Der neue König Charles II. übte Druck auf die Führer der Kolonien aus, ihre intoleranten Gesetze abzuschaffen, anderenfalls sie ihre vom König verliehenen Privilegien verlieren würden. So wurde das Weihnachtsverbot 1681 wieder außer Kraft gesetzt. Die Bevölkerung allerdings behielt ihre ablehnende Haltung zum Weihnachtsfest noch lange bei. So blieben in Massachusetts noch bis ins 19. Jahrhundert zu Weihnachten die Geschäfte geöffnet und die Kirchen geschlossen. Erst 1856 wurde Weihnachten hier – gemeinsam mit dem 4. Juli und Washingtons Geburtstag – zum gesetzlichen Feiertag erklärt.

Quelle: Matrix3000 Band 96

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