12/22/2016 09:37

Warum wir uns nicht an unsere Babyphase erinnern

Category: Wissen

Sheldon Cooper, der nervige Nerd aus der Big Bang Theory, bildet sich viel auf sein eidetisches Gedächtnis ein. In einem Gespräch mit Penny brüstete er sich damit, sich sogar an jenen Tag zu erinnern, als seine Mutter aufhörte, ihn zu stillen. Es war ein „regnerischer Dienstag“. Für die meisten von uns sind die ersten Lebensmonate und -jahre dagegen eine Black Box. Was wir über den Anfang unseres Lebens wissen, beziehen wir lediglich aus Erzählungen der Eltern oder älterer Geschwister. Warum ist das eigentlich so? Wissenschaftler sind der Beantwortung dieser Frage jetzt auf der Spur.

Bereits Sigmund Freud widmete sich diesem Rätsel. Er prägte den Begriff der „infantilen Amnesie“. Für ein neugeborenes Baby ist alles neu. Jede Information aus der Umgebung, die es mit seinen sich allmählich entwickelnden Sinnen wahrnimmt, saugt es auf wie ein Schwamm. In der ersten Lebensphase lernen wir vermutlich mehr Eindrücke kennen und zu verarbeiten als in unserem ganzen restlichen Leben. Nur – warum erinnern wir uns nicht daran? Und könnte es möglich sein, die fehlenden Erinnerungen eines Tages zurückzugewinnen?

Die Geschwindigkeit des Lernens bei Babys ist atemberaubend. Pro Sekunde bilden sich im Babygehirn 700 neue neuronale Verbindungen. Dieser Prozess beginnt schon vor der Geburt im Mutterleib. Im Durchschnitt gehen jedoch die ersten Erinnerungsfetzen eines Menschen maximal bis zum Alter von dreieinhalb Jahren zurück - mit kulturspezifischen Unterschieden.

Man fand heraus, dass egobezogene Informationen besser erinnert werden als unpersönliche Fakten. Deshalb haben die bekanntermaßen egozentrischen Amerikaner (inklusive Sheldon Cooper) um sechs Monate frühere Kindheitserinnerungen als beispielsweise Chinesen. Eine Information „Im Zoo waren Tiger“ wird leichter vergessen als „Ich war im Zoo und sah Tiger. Es machte Spaß.“ Auch Emotionen spielen also eine Rolle. Bei den stark emotional geprägten Maoris in Neuseeland erinnern sich viele sogar an das Alter von zweieinhalb Jahren. Weltrekord!

Heute gibt es mehrere wissenschaftliche Erklärungsmodelle für die kindliche Amnesie:

 

  1. Dinge werden besser erinnert, wenn wir sie in Beziehung zu bereits Bekanntem setzen können. Experimente zeigten, dass Erwachsene auswendig gelernte sinnlose Buchstabenfolgen nur zu 2-3% behalten. Ein Baby hat aber kaum etwas „Bekanntes“ zum Vergleichen.
  2. Um uns an etwas erinnern zu können, ist es hilfreich, es sprachlich benennen zu können. Das könnte erklären, dass kindliche Erinnerungen meist in etwa bis in das Alter reichen, wo Kinder bereits mehr als nur „Papa“ und „Mama“ sagen können. Allerdings entwickeln auch taubstumme Kinder Erinnerungen.
  3. Es wird vermutet, das Gedächtnis werde vom Hippokampus gesteuert, der bei Neugeborenen noch unzureichend entwickelt ist. Dann wären also die Erinnerungen zwar gespeichert, aber nicht mehr zugreifbar.

Quelle: Matrix3000 Band 97