12/22/2016 08:28

Ab ins „Wahllokal“ - eine kurze Geschichte des Wahlrechts

Category: History

Im Wilden Westen wurden oft Wahlversammlungen in Saloons abgehalten. In John Fords Western „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“, ging es sllerdings sittsam zu. Whisky gab es erst nach der Stimmabgabe!

Wenn eine Wahl ansteht, gehen wir ins „Wahllokal“, klar. Sehr oft ist das sogar bis heute eine Kneipe. Warum nehmen wir eines der selbstverständlichsten Grundrechte - Regierung oder Parlament zu wählen - so oft ausgerechnet in einem Alkoholausschank wahr?

Das Problem war und ist - viel zu wenige Menschen machen von diesem Wahlrecht auch Gebrauch. Die US-Präsidentschaftswahlen dieses Jahres haben es gezeigt: Mit Ausnahme intellektueller Schichten sind weiten Kreisen der Bevölkerung ideelle Werte wie „Demokratie“ und „Freiheitsrechte“ herzlich egal. Bei den meisten steht statt dessen die Sicherung des Lebensunterhalts im Vordergrund - oder die Anschaffung des neuesten iPhone!

In früheren Zeiten war das eher noch schlimmer. Obwohl Freiheitskämpfer aus der Oberschicht wie Karl August von Hardenberg in Deutschland oder Thomas Jefferson in den USA flammende Reden auf die Demokratie hielten, gingen anfangs zu den freien Wahlen oft nur 2-3% der Wahlberechtigten. Selbst als das Wahlrecht nicht mehr nur der Oberschicht offenstand, sondern auf bürgerliche Kreise ausgedehnt wurde. Am ehesten wählte man noch in den Städten. Bauern in ihren Dörfern hatten keine Zeit, der Weg war ihnen zu weit, oder sie konnten gar nicht lesen und erfuhren daher nichts über den Wahltermin. Außerdem - um die Politik sollten sich „die da oben“ kümmern. So war es schließlich immer gewesen. „Gleichheit für alle“ war höchstens ein Thema für literarische Debattierzirkel.

Selbst reiche Kaufleute versuchten alles, um sich vor dem „trostlosen Wahlakt“ drücken zu können. Zu jener Zeit im frühen 19. Jahrhundert wählte man noch in der Kirche, und alle Anwesenden mussten warten, bis jeder seine Stimme abgegeben hatte.

Einige Staaten behalfen sich mit Einführung einer Wahlpflicht, um mehr Bürger zwangsweise an die Wahlurnen zu bekommen. Anderenorts versuchte man, das Wählen attraktiver zu machen - durch freie Mahlzeiten und Gratis-Schnaps.

Auf diese Weise entstanden um 1830 in den USA die ersten Wahl- „Lokale“, eine Sitte, die schon bald nach Europa überschwappte. Damit schnellte zwar die Wahlbeteiligung exponentiell hoch, dafür waren lautstarke Streitigkeiten und Prügeleien zwischen alkoholisierten Wählern an der Tagesordnung. In Deutschland mokierte sich ein Jurist über Leute, die „durch vernachlässigte Kleidung, durch wüstes Haupt- und Barthaar“ irritierten.

Die Zeit war gekommen - Demokratie war ein Recht für alle. Zumindest für viele, denn viele Jahrzehnte lang war das Wahlrecht ein Privileg ausschließlich für weiße Männer. Das Frauenwahlrecht wurde in den meisten Staaten Europas und in den USA erst nach dem ersten Weltkrieg eingeführt. In Italien erst 1946, in Belgien 1948 und in der Schweiz sogar erst 1971. Schwarze in den USA erhielten volle Gleichberechtigung bei der Wahl erst 1965 unter Lyndon B. Johnson. Wahlkabinen und damit eine Art von Wahlgeheimnis existieren erst seit ca. 1900.

Quelle: Matrix3000 Band 97