02/23/2017 12:54

Gab es wirklich ein „rotes Telefon“?

Category: History

Ja und nein. Es stimmt, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges richteten die USA und die Sowjetunion eine Direktverbindung zwischen ihren Führern ein, so dass diese im Fall einer nuklearen Krise oder eines anderen Notfalls einander sofort kontaktieren konnten. Diese Hotline wurde schnell Bestandteil der Popkultur. insbesondere durch Romane und Spielfilme, etwa Stanley Kubricks „Dr. Strangelove“ aus dem Jahre 1964.

Doch im Gegensatz zu seinem Bild in der Öffentlichkeit war das echte „rote Telefon“ weder rot, noch war es überhaupt ein Telefon.

Der erste Vorschlag für eine Hotline Washington-Moskau stammte aus den Fünfziger Jahren, wurde aber erst zur Zeit der Kubakrise 1962 ernsthaft aufgegriffen. Damals stellten Amerikaner und Sowjets fest, dass ihre diplomatischen Vorstöße oft Stunden brauchten, um ihr Ziel zu erreichen. Aus Angst, dass dadurch irgendwann ein unbeabsichtigter Atomkrieg ausbrechen könnte, trafen sich Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy 1963 in Genf und unterschrieben ein „Memorandum of Understanding Regarding the Establishment of a Direct Communications Line“. Das System ging am 30. August 1963 online.

Anstelle eines Telefons, das immer die Gefahr akustischer Missverständnisse in sich barg, bestand die echte Hotline aus zwei Fernschreibern, die es den beiden Supermächten erlaubte, direkte schriftliche Meldungen via Transatlantik- Kabel auszutauschen. Der russische Fernschreiber stand im Kreml, der amerikanische allerdings nicht im Weißen Haus, sondern interessanterweise im Pentagon.

Gab es Kreise in den USA, die eingehende Botschaften erst filtern wollten, bevor der Präsident von ihnen erfahren durfte? Es ist nicht ganz unbekannt, dass insbesondere John F. Kennedy aufgrund seines etwas lockeren Privatlebens in Geheimdienstkreisen nicht als reif für eine Top-Secret-Clearance erachtet wurde.

Während der Präsidentschaft Richard Nixons wurden die veralteten Kabelverbindungen durch Satelliten-Links ersetzt, und in der Reagan-Ära wurde das System 1986 nochmals aufgerüstet, um Hochgeschwindigkeits-Faxverbindungen zu ermöglichen. Die Fernschreiber hatten endgültig ausgedient. Am Ende der Präsidentschaft George W. Bushs schließlich erfolgte der letzte Upgrade. Barack Obama bzw. sein Nachfolger Donald Trump kommunizieren mit Wladimir Putin zeitgemäß per verschlüsselter E-Mail.

Es gibt keine Beweise, dass diese Kommunikation jemals zur Verhinderung eines Atomkrieges eingesetzt wurde. Sie spielte allerdings auf andere Weise eine Schlüsselrolle in den amerikanisch- sowjetischen Beziehungen. 1967, während des Sechs-Tage- Krieges im Nahen Osten, verhandelte Lyndon B. Johnson über das System mit dem sowjetischen Premierminister Alexej Kossygin. Richard Nixon nutzte die Hotline zu ähnlichen Zwecken während des indisch-pakistanischen Krieges 1971 und während des Yom-Kippur-Krieges 1973. Jimmy Carter protestierte auf diesem Weg gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979.

Letztmals wurde das System von der Reagan-Administration benutzt, doch es existiert bis heute. Für den Fall eines neuen Kalten Krieges und um zu sichern, dass das System auch in Zukunft im Notfall jederzeit einsatzbereit ist, wird es von russischen und amerikanischen Technikern einmal pro Stunde durch das Versenden von Testnachrichten überprüft.

Quelle: Matrix3000 Band 98