04/20/2017 10:57

Neurowissenschaftler: „Frauen fühlen beim Sex keine Emotionen“

Category: Gesundheit

Eigentlich ist das Thema bislang hauptsächlich auf Witzseiten vertreten. Ein Mann erzählt im Büro: „Frauen können einen Orgasmus leichter vortäuschen als Männer.“, und eine Kollegin wirft ein: „Das kann ich bestätigen. Ich kenne seine Frau.“

In dieses Spannungsfeld aus gesellschaftlich verordnetem sexuellem Leistungsdruck und Sarkasmus unterhalb der Gürtellinie platzte eine Meldung des Wissenschaftsagazins Scientific American wie eine Bombe: Neurowissenschaftler fanden heraus, dass Frauen beim Orgasmus keine Emotionen empfinden. Sind also Gefühle, die gerade eher Frauen beim Sex zugesprochen werden, in Wahrheit gar nicht so wichtig? Nein. Es ging den Forschern auch gar nicht um das „Vortäuschen von Orgasmen.“

Das Wissenschaftlerteam um den Neurowissenschaftler Gert Holstege von der Universität Rotterdam untersuchte vielmehr, was bei gutem Sex im menschlichen Gehirn eigentlich vor sich geht. Auf diese Weise wollten sie auch das uralte Rätsel lösen, was eigentlich hinter sexuellem Begehren und den Glücksgefühlen beim Sex steckt. Und da gibt es bei Männern und Frauen Unterschiede, die zum Teil auf die unterschiedliche Rollenverteilung beim Geschlechtsverkehr zurückzuführen sind.

Positronenemissionstomogramme (PET), die während des Geschlechtsverkehrs bei Männern angefertigt wurden, zeigten, dass bei ihnen das Kleinhirn (Cerebellum) auf Hochtouren läuft. Diesem Gehirnbereich wird klassischerweise die Koordination automatisierter Bewegungsabläufe zugeschrieben. Möglicherweise sind auch hier die Gefühle eines Mannes beim Sex lokalisiert, denn das klassische Gefühlszentrum im Zwischenhirn, die Amygdala, zeigte gleichzeitig eine deutliche Abnahme der Aktivität. Dadurch kommt es zu einem verringerten Wachheits- und Aufmerksamkeitsempfinden während des Höhepunkts.

Bei Frauen geschieht etwas vollkommen anderes. Während der Erregungsphase, z. B. bei klitoraler Stimulation, empfangen sie zwar körperliche Empfindungen, die sie später als „sexueller Natur“ beschreiben. Mit zunehmender Erregung, speziell beim Erreichen des Orgasmus, geschieht jedoch etwas ziemlicn Unerwartetes: Der größte Teil des weiblichen Gehirns schaltet einfach ab. Am stärksten gilt dies für die Neuronen des lateralen orbitofrontalen Kortex, wo nach allgemeiner Auffassung die Selbstkontrolle angesiedelt ist. Dies fühlt zu einem extremen Spannungsabbau und totalem Loslassen.

Auch die Gehirnzentren des dorsomedialen präfrontalen Kortex, der als Sitz moralischer und sozialer Hemmungen gilt, schaltet in diesem Zeitraum ab. Ähnlich wie bei Männern kommt es zu einer Reduktion der Aktivität in der Amygdala, also zu herabgesetzter Wachheit und Reduktion von Gefühlsempfindungen. „Furcht und Angst müssen um jeden Preis vermieden werden, wenn die Frau einen Orgasmus haben will. Wir wissen das, doch nun können wir sehen, wie es geschieht in den Tiefen des Gehirns.“, sagt Holstege. „Im Moment des Orgasmus haben Frauen keinerlei emotionale Gefühle.“

Wenn man einen etwas weniger materialistischen Standpunkt einnimmt, der das menschliche Bewusstsein ausschließlich im Gehirn lokalisiert, kann man diese Forschungsergebnisse auch anders - und nachvollziehbarer - interpretieren: Wie jede Frau bestägigen kann, ist sie während des sexuellen Höhepunkts ja nicht „bewusstlos“, selbst wenn ihr Gehirn „abgeschaltet“ hat. Warum also nimmt man diese Erkenntnisse nicht als Anlass, um endlich einzuräumen, dass das Gehirn nicht (alleiniger) „Produzent“, sondern eher ein Empfänger von Bewusstseins- und Gefühlseindrücken ist. Hierfür gibt es seit Jahrzehnten überzeugende Indizien, die jedoch vom wissenschaftlichen Mainstream weitgehend ignoriert werden. Der Nobelpreisträger John Eccles sagte einmal, dass „der nichtphysische Geist auf den ca. 50 Millionen Neuronen der SMA-Region1 spielt wie auf den Tasten eines Klaviers.“2

Vielleicht besteht das Wesen eines weiblichen Orgasmus gerade darin, dass in diesem Moment nur die untersten - körperorientierten - Bewusstseinsebenen „abgeschaltet“ werden und damit den Weg frei machen für transpersonale Bewusstseinsschichten, die vermutlich für nicht-körperliche Existenz charakteristisch sind und uns ein - durchaus sehr real existentes - Gefühl „kosmischen Einsseins“ vermittelt, das sich nur eben nicht in der Tomographie zeigt!

Quelle: Scientific American

 

1 Supplementary motor area, ein spezieller Bereich des Großhirns, eine Art Schaltstelle für motorische Bereitschaftspotenziale, die offenbar „von außen“ gesteuert wird.

2 Mehr dazu in Fosar/Bludorf: Niemand ist Nobody. Peiting 2006.

Quelle: Matrix3000 Band 99

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