12/21/2017 11:16

Fingerabdruck einer Insel - oder: Kroatiens Capri-Fischer

Category: History

Detektive aller Welt aufgepasst: Auch Inseln können Fingerabdrücke haben. Zumindest manche. Genauer gesagt: eine.

Die seltsame Insel heißt Baljenac und liegt in der Adria vor der Küste Kroatiens. Die Regierung hat inzwischen erreicht, dass die Insel in das Weltkulturerbe der Unesco übernommen wurde.

Die kleine, nur 1,4 Quadratkilometer große Insel erinnert nicht nur durch ihre ovale Form an einen Fingerabdruck, sie ist auch auf ihrer gesamten Fläche von einem Netz niedriger Steinmauern überzogen, die aus der Luft gesehen tatsächlich an die Papillarlinien eines menschlichen Fingerabdrucks erinnern. Obwohl die Insel nur 500 Meter lang ist, beträgt die Gesamtlänge dieser Mauern fast 23 Kilometer.

Was haben diese Strukturen zu bedeuten? Dafür gibt es eine Erklärung: In Kroatien war es früher üblich, Landbesitz durch niedrige Mauern zu begrenzen, so wie es auch in England, Schottland und Irland der Fall ist. Die Steine, aus denen die Mauern errichtet sind, sind nicht durch Mörtel verbunden. Man suchte passende Steine aus, die wie Puzzleteile zusammenpassten. Die Tradition dieser Begrenzungsmauern ist sehr alt. Sie dienten nicht nur der Grenzsicherung, sondern auch als Schutz gegen den starken Seewind, der hier „Bura“ genannt wird.

Die Insel selbst ist unbewohnt. Die Besitzer der Felder kamen noch bis vor 100 Jahren regelmäßig zur Feldarbeit mit Booten von der Nachbarinsel Kaprije. Die Mauern wurden ohne Maschinen oder andere technische Hilfsmittel nur in Handarbeit errichtet.

Die Feldarbeit auf Baljenac war allein Sache der Frauen. Nachdem die Männer sie abgesetzt hatten, fuhren sie selbst mit ihren Booten zum Fischen aufs Meer hinaus. Bei Anbruch der Dunkelheit holten sie ihre Frauen wieder ab, und man fuhr gemeinsam nach Hause. Also fast wie bei den Capri-Fischern, nur dass „Bella Marie“ hier nicht warten, sondern ackern musste.

Heute wirkt Baljenac einsam und verlassen. Die heutigen Menschen haben wenig Sinn dafür, zu der Insel überzusetzen, um den Boden zu kultivieren, der nach und nach bereits von Pinien überwuchert wird. Vielleicht aber wird die Insel dank der UNESCO-Würdigung irgendwann zur Touristenattraktion? Zurzeit kann man dort allerdings noch die Romantik von Einsamkeit und Stille genießen, bevor die Pauschaltouristen einfallen.

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