Roswell und die geheimen Einstein-Akten

Eine Geschichte geht um die Welt

Grazyna Fosar / Franz Bludorf

 

Es war klar, dass nach der Veröffentlichung des ersten UAPTF-Reports (UFO-Task-Force des Pentagon) eine Lawine sensationeller Enthüllungen folgen würde. Alle, die einen bekannten Namen hatten und nach Möglichkeit tot sind, „waren in Roswell, haben das Objekt gesehen und mit den Aliens gesprochen.“

 

Na ja – vielleicht nicht alle. Über Stalin sagt man das nicht.

 

Seit Anfang Oktober 2021 kursieren weltweit Geschichten, wonach Einstein im Juli 1947 zu einem geheimen Hangar (nicht Wright Patterson) gebracht wurde, um das Wrack des abgestürzten Roswell-UFOs sowie die Insassen zu untersuchen. Mit einem Überlebenden soll Einstein sogar kommuniziert haben.

 

Kennen Sie jemand, der an dieser Stelle nicht weiterlesen würde?

 

Die Hauptprotagonisten:

 

  1. Albert Einstein
  2. Seine angebliche damalige Assistentin Shirley Wright
  3. Die MUFON-Forscherin Sheila Franklin

 

Die Quelle der sensationellen Enthüllung ist ein Interview, das Sheila Franklin 1993 mit Shirley Wright geführt hatte und das auf Tonbandcassette erhalten ist. Dazu ein angeblich passendes YouTube-Video, das noch keiner gesehen hat. Dieses „Video“ spielt nur das Tonband ab und zeigt dazu ein Standfoto von Shirley Wright.

 

Wer war Shirley Wright, die Frau, die angeblich Albert Einstein nach Roswell begleiten durfte? Was wir von ihr belegbar wissen, folgt aus einem Nachruf, den 2015 der Miami Herald nach ihrem Tode veröffentlicht hat. Demnach wäre sie 1947 erst 17 Jahre alt gewesen. Ein bisschen jung für eine Assistentin. Sie war eine Studentin von Einstein, der seit 1946 bereits emeritiert war. Erst viel später erwarb sie ihre Doktortitel in Chemie und Physik.

 

Ihre Kompetenz als Wissenschaftlerin und karitative Helferin wird nirgendwo angezweifelt.

 

Was wir in Zweifel ziehen wollen, sind die „Produzenten der neuesten Seifenoper.“ Wir beide sind Physiker, so wie die später promovierte Dr. Wright. Die Schilderung ihres „Besuchs“ beim Roswell-Fall und die Details, die sie dabei nennt, geschahen nicht in „Physiker-Sprech“ (z. B. Vergleich der Größe des Objekts – „ein Viertel des Hangars“). Dazu Aussagen wie „Wir sind nicht auf dem Level der Aliens“ oder „Sie wollen das Weltall erforschen“. Hört, hört! Klingt alles seit gefühlten 40 Jahren verdächtig bekannt. Und gleichzeitig ein bisschen zu viel für jemand, dem man befohlen hatte, „den Mund zu halten.“ Angeblich hatte Einstein die Aliens nach dem Antriebssystem gefragt. Sehr komisch. Er hätte der erste sein sollen, der erkennen musste, dass sie keins brauchen. Von wem stammt denn die Allgemeine Relativitätstheorie? Antworten sollen nicht gekommen sein.

 

„Wie konnten sie in unserer Atmosphäre atmen, wo sie von so weit her gekommen sind?“, staunte Dr. Wright (Pardon, wie weit?) Und natürlich waren sie grau, schlank und hatten große schwarze Augen. Hatte Dr. Wright die früheren Publikationen von MUFON gelesen, um dieses Gespräch zu führen? Bei allem Respekt – ein Doktor der Physik und Chemie hätte sich um etwas mehr Glaubwürdigkeit bemühen können. Es lässt sich allerdings auch nicht beweisen, dass sie es war, die auf dem Band sprach.

 

Ende des 20. Jahrhunderts waren wir schon so weit, dass wir selbst bei Ereignissen oder Wirkungen, die wir noch nicht verstanden, diese zumindest in unseren eigenen Worten beschreiben oder zumindest versuchen konnten, sie zu benennen.

 

Wurde die alte Dame ganz einfach ausgenutzt, oder hatte sie nicht den richtigen Gesprächspartner?

 

***

 

Wenn die erste Alternative richtig ist, stellt sich die Frage: Zu welchem Zweck? MUFON ist eigentlich angetreten, um UFO-Zeugenberichte an die Öffentlichkeit zu bringen. Und dieses Band ließ man 28 Jahre in der Schublade. Das bedeutet, dass eine Veröffentlichung auf die Zeit gewartet hatte, bis das Wasser am Fuße des Berges angekommen war. Der Unterschied ist zwischen dem Berichten und dem Kreieren von Nachrichten.

 

Sind Sie jetzt an dem Punkt, wo Sie darüber nachdenken, mit dem Lesen aufzuhören? Tun Sie es bitte nicht. Wir haben noch mehr.

 

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Und damit kommen wir zu Einstein. Warum sollte man gerade ihn als Experten wählen? Der große Superstar wie bei uns war er nämlich in den USA ganz und gar nicht. Er wurde sogar als „Kommunistenfreund“ vom FBI observiert. Die FBI-Akte Albert Einsteins liegt uns vor. J. Edgar Hoover beschuldigte ihn „antiamerikanischer Umtriebe“. Für das Manhattan-Projekt hatte er deshalb keine Clearance erhalten. Und ausgerechnet dem sollte man ein Staatsgeheimnis wie Roswell anvertrauen?

 

Hier sind begründete Zweifel angemessen. Nur knapp zwei Wochen nach seiner angeblichen Reise von Princeton nach dem „Südwesten der USA“ (rund 3000 km) schrieb er einem Freund, er könne aus gesundheitlichen Gründen nicht mit ihm segeln gehen.

 

Die Einstein-Roswell-Connection ist mittlerweile sehr verbreitet, ungeachtet der vielen Widersprüche.

 

Die Leute, die diese Geschichte verbreiten, haben sich offenbar so sehr auf die Konstanten konzentriert, dass sie die Variablen vergessen haben…